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NICHT NACHLAUFEN, NICHT BRÜSKIEREN
all seine Geistesblitze änderten nichts an dem Gang der Ereignisse. Diefleißige Mitarbeit des Reichstagsabgeordneten Posadowsky hinderte undbesserte nichts. Von Wilhelm II. würde Opposition gegen meine Nachfolgerals direkte Opposition gegen seine Person aufgefaßt worden sein. Und auchwer wie ich den Vultus instantis tyranni in keiner Weise fürchtete, teils ausMännerstolz vor Königsthronen, teils weil Wilhelm II. im Grunde ge-nommen gar kein Tyrannus war, mußte sich sagen, daß, was heute auchdieser und jener schwatzen möge, die große Mehrheit der Deutschen einesolche Opposition entweder gar nicht verstanden oder auf niedrige per-sönliche Motive zurückgeführt haben würde. Ich will gern noch einmaleinräumen, daß in dieser Auffassung eine Schwäche unserer früherenZustände lag. Diese Erkenntnis war einer der Gründe, aus denen ich,namentlich in den letzten Jahren meiner Amtszeit, eine Liberalisierungund allmähliche Parlamentarisierung unserer Verhältnisse für angezeigthielt.
In meiner Einleitung zu dem im Verlag von Reimar Hobbing er-schienenen Werk „Deutschland unter Kaiser Wilhelm II." beschränkte ichmich darauf, auf einige große Gesichtspunkte unserer inneren undnamentlich unserer auswärtigen Politik hinzuweisen, die unserem un-politischen Volk noch nicht klar genug geworden waren. Ich wies auf dieUnVersöhnlichkeit Frankreichs hin. Das letzte Ziel alles französischenStrebens werde für sehr lange das sein, die noch fehlenden Voraussetzungenfür eine aussichtsreiche Auseinandersetzung mit dem Deutschen Reiche zuschaffen. Ich erinnerte an die beste Schilderung des französischen Cha-rakters und des französischen Volkes, die je gegeben wurde, an die Wortedes großen Denkers Alexis de Tocqueville , der von seinem Volke, demkriegerischsten, dem militärischsten und chauvinistischsten Volke der Erde,schon vor einem halben Jahrhundert sagte, es sei „apte ä tout, maisn'excellent que dans la guerre". Uber die Elastizität des französischenVolkes, seinen feurigen, zu jedem Opfer bereiten Patriotismus habe ich mirebensowenig je Illusionen gemacht wie über seine unbegrenzte nationaleEitelkeit, seine Herrschsucht und Härte. England gegenüber wies ichdarauf hin, daß eine Politik des Nachlaufens ebenso verfehlt sein würdewie eine Politik des Brüskierens. Mit unserer Flottenpolitik seien wir überdie Gefahrzone hinweg, England würde uns nicht angreifen; wir dürftenaber nicht selbst durch unsere Politik einen Bruch mit England herbei-führen. Über Italien schrieb ich, schon Fürst Bismarck habe gesagt, esgenüge ihm, daß ein italienischer Korporal mit der italienischen Fahne undeinem Trommler neben sich die Front gegen Westen und nicht gegen Ostennähme. Ich fügte hinzu: „Alles Weitere wird davon abhängen, wie sich eineeventuelle Konfliktfrage in Europa gestaltet, mit welchem Nachdruck sie