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FRANZ FERDINANDS BEISETZUNG
und beweine er das Schicksal des Erherzogs und seiner edlen Gemahlin,politisch sehe er in dem Ausscheiden des Thronerben „eine gnädige Fügungder göttlichen Vorsehung". Der leidenschaftliche Charakter des Erzherzogs,sein Haß gegen die Magyaren, seine blinde Vorhebe für Tschechen undSüdslawen , sein outrierter Klerikalismus hätten zu schweren Erschütte-rungen, vielleicht zum Bürgerkrieg führen können. Nach außen würde ermit seinem Fanatismus, seinem Jähzorn und seinem Starrsinn für Deutsch-land kein bequemer Bundesgenosse geworden sein. „Requiescat in pace!"schloß der k. und k. Botschafter in salbungsvollem Ton. Aus Kiel hörte ich,Kaiser Wilhelm habe die Trauerkunde erhalten, während er in der KielerBucht auf dem „Meteor" segelte. Er sei zuerst sehr bestürzt gewesen, da ernoch kurz zuvor bei dem Erzherzog in Konopischt geweilt, sich mit ihmder weltberühmten Rosenpracht des Schloßparkes erfreut und nach seinerArt mit dem künftigen Kaiser von Österreich mancherlei Zukunftsplänebesprochen, erwogen und geschmiedet hatte. Kaiser Wilhelm habe sichaber bald beruhigt, und es war sogar seiner Umgebung nicht ganz leichtgeworden, ihn zum Aufgeben der Segelwettfahrt zu bewegen, zumal ergute Chancen hatte, den von ihm selbst ausgesetzten schönen Preis zugewinnen.
Alle Nachrichten aus Wien stimmten darin überein, daß die tiefe Ab-neigung des Kaisers Franz Josef gegen seinen Neffen und Erben bei dessentraurigem Ende in fast grausamer Weise zutage getreten war. Mit der Härte,zu der sich der Charakter alter Leute, die viel durchgemacht haben, bis-weilen zu entwickeln pflegt, hatte der Kaiser nichts unterlassen, was dasAndenken des Erzherzogs und insbesondere seiner dem alten Herrn ver-haßten morganatischen Gemahlin herabsetzen konnte. Während der Sargdes Erzherzogs auf einem prunkvollen Wagen mit goldenen Rädern, ge-schmückt mit der erzherzoglichen Krone, zu der Trauerfeier gefahren wurde,folgte der bescheidene Sarg seiner Gattin, nur mit einem winzigen Krönleingeziert, auf einem niedrigen und unansehnlichen Karren. Der Erzherzog,der wußte, daß sein greiser Oheim die Beisetzung der Herzogin vonHohenberg in der Erbgruft der Habsburger in der Wiener Kapuzinerkirchenicht zulassen würde, hatte schon bald nach seiner Vermählung eineKapelle an der Donau erbaut, wenige Stunden von Wien entfernt, wo erneben der Frau, die er so sehr hebte, begraben werden wollte. Die Bei-setzung mußte auf kaiserlichen Befehl in der Nacht erfolgen. Sie ging beiströmendem Regen vor sich und bot ein Schauspiel, das an die drama-tischsten Szenen aus den Shakespeareschen Königstragödien erinnert.
Wenn auch das abscheuliche Attentat von Mitgliedern einer großenserbischen Geheimverbindung ausgeführt worden war, so sprach doch auchmanches dafür, daß die serbische Regierung die Untat weder angestiftet