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DIE UNGESCHICKTEN
schwere Kriege geführt haben, wünschte unser Volk nichts anderes als,fern von jeder Eroberungslust und allen abenteuerlichen Plänen, das spät,das endlich geeinigte Vaterland in friedlicher, fleißiger und ruhiger Arbeitauszubauen. Kaiser Wilhelm II. war in keiner Weise kriegslustig. Er warkriegsscheu. Seine kriegerisch anmutenden Marginalien beweisen nichts.Mit solchen törichten Renommistereien wollte er den Geheimräten im Aus-wärtigen Amt imponieren, wie er mit seinen drohenden oder prahlerischenReden im Auslande den Eindruck hervorzurufen wünschte, daß er einzweiter Friedrich der Große oder Napoleon I. wäre. Niemand hat wohlöfter und intimer als ich Gelegenheit gehabt, mit Wilhelm II. das Problemdes Krieges zu erörtern, zum Teil in Situationen, die, wie in der Marokko -Frage und während der bosnischen Krisis, dieses Problem aktuell er-scheinen ließen. Ich darf daher Glauben für meine Behauptung in An-spruch nehmen, daß Wilhelm II. niemals den Krieg gewollt hat, schon weiler fühlte, daß seine Nerven ernsten, wirklich kritischen Situationen nichtgewachsen waren. Sobald die Gefahr eines großen Krieges greifbar vor ihntrat, fühlte er, daß er trotz dem Marschallstab, den er in der Hand zu tragenliebte, trotz aller Schnüre und Orden, mit denen er sich gern zierte, trotzder Scheinsiege, die er auf dem Manöverfeld und beim Kriegsspiel dank derKonnivenz der Schiedsrichter erfochten hatte, ganz außerstande war, aufdem Schlachtfelde zu führen. Er kannte sehr wohl die Schwäche seinerNerven. Er wußte, daß er so wenig ein Feldherr war, wie er, trotz seinerPassion für die Marine, fähig gewesen wäre, auf dem Meere ein Geschwaderoder auch nur einen Kreuzer zu führen. Aber auch Bethmann und Jagowhaben den Krieg nicht gewollt.
Ein ausgezeichneter französischer Historiker, Albert Sorel , Verfasser desschönen Werkes „L'Europe et la Revolution Franchise" schrieb, als er sichmit den Vorarbeiten für ein anderes Buch: „Histoire diplomatique de laguerre franco-allemande", beschäftigte, an seine Mutter: „J'ai chercheconsciencieusement, j'ai cherche avec passion les causes de nos malheursde 1870, et je suis arrive a cette conclusion: Ce qui alors manquait surtoutchez nous ce fut l'habilite." Im Sommer 1914 galt das für die deutschePolitik. Sie lieferte den Beweis dafür, daß der große Michel Montaigne rechthat, wenn er in seinen „Essais " sagt, que tous les maux de ce mondeviennent de l'änerie, daß an allem Elend dieser Welt die Eselei die Haupt-schuld trägt. Die von den damaligen Leitern der deutschen Politik began-genen Fehler sind groß und zahlreich. Wohl ihr größter war, daß die Vor-bereitung des Ultimatums und die diplomatische Behandlung der durchdieses Ultimatum hervorgerufenen Krisis in der Dunkelkammer vor sichgingen. In diesem schicksalsschwersten Augenblick der neueren, wenn nichtder ganzen deutschen Geschichte lag die Leitung der deutschen Geschicke