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BETHMANNS FALSCHE TAKTIK
undMartens. Ballin erlaubte sich die Frage an den Reichskanzler: „Exzellenz,warum haben Sie denn eine so eno-o-orme Eile, Rußland den Krieg zuerklären?" Bethmann, die lange Unzulänglichkeit, wie ihn mit Witz derSozialist Frank genannt hat, antwortete: „Sonst kriege ich die Sozial-demokraten nicht mit." In der psychologischen Erklärung dieser Antwortstimmten Ballin und ich überein: Bethmann hatte erkannt, in welchefürchterliche Lage er das Reich und sich selbst gebracht hatte. Ihm bangtevor der Verantwortung. Instinktiv wollte er vor allem die linksradikalenElemente beschwichtigen, weil er sie am meisten fürchtete. Er glaubte dieszu erreichen, wenn er dem Krieg, den zu verhindern ihm nicht gelungen war,die Spitze gegen das zaristische Rußland gab. An dieser falschen Taktikhat Bethmann Hollweg bis zu seinem Rücktritt festgehalten.
Als am 3. August 1914 unsere Kriegserklärung an Frankreich derDer Krieg Kriegserklärung an Rußland folgte, wurde sie mit Unwahrheiten be-gegen gründet. Es wurde den Franzosen nicht schwer, zu beweisen, daßFrankreich f ranz 5 S j scne Flieger keine Bomben auf die Eisenbahnstrecke Nürnberg bisIngolstadt abgeworfen hätten. Um den durch die Kriegserklärung an Ruß-land militärisch notwendig gewordenen Bruch mit Frankreich zu be-schleunigen, wurde überdies an Frankreich das Ansinnen gestellt, uns alsPfand Beifort, Toul und Verdun zu überlassen, eine Zumutung, die von derPropaganda der Entente natürlich als Beweis für deutsche Eroberungspläneund deutsche Unersättlichkeit ausposaunt wurde. Der Botschafter Schönkam gar nicht in die Lage, diese telegraphische Weisung auszuführen. Aberdas in Rede stehende Berliner Telegramm fiel in die Hände der Franzosen. Es ist traurig, feststellen zu müssen, daß, als der Weltsturm losbrach, nichtnur die Zentrale, Bethmann Hollweg und Jagow, Wilhelm von Stumm undDiego von Bergen, sondern auch unsere Botschaften kläglich versagten.
Zu den Fehlern des Juli 1914 gehörte auch unser Versteckspiel gegenüberItalien Italien. Bethmann und Jagow fürchteten, daß Italien in der Ultimatums-angelegenheit das Geheimnis nicht wahren würde und daß so über die gegenSerbien geplante große Aktion etwas nach St. Petersburg durchsickern unddort diplomatische Proteste hervorrufen könnte. Es wäre, nebenbei gesagt,ein „godsend", eine gnädige Fügung der Vorsehung gewesen, wenn die durchdas Ultimatum an Serbien eingeleitete wahnwitzige Aktion auf diese Weiseim Keime erstickt worden wäre. Um Italien hinter das Licht zu führen,erklärte während der Woche, die der Überreichung des Ultimatums voraus-ging, der Staatssekretär von Jagow Tag für Tag dem italienischen Bot-schafter Bollati, der im Auftrag seiner Regierung beständig frug, ob, wie inBukarest, in Konstantinopel und auch anderswo getuschelt würde,Österreich-Ungarn gegen Serbien etwas im Schilde führe, daß hiervonkeine Rede sei. Weder in Wien noch in Berlin trage man sich mit solchen