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Absiebten. Es lag auf der Hand, daß die Zentralmächte, wenn sie im Falleeiner großen Konflagration, zu der das Ultimatum an Serbien nur zu leichtführen konnte, Italien auf ihrer Seite haben wollten, sich die Kooperationder Apenninischen Halbinsel rechtzeitig sichern mußten. Das ging natürlichnicht ohne Konzessionen von österreichischer Seite. Sie waren nach Lageder Dinge unerläßlich, wenn man Italien nicht in das gegnerische Lagertreiben wollte. Da solche Zugeständnisse nicht erfolgten, stand Italien imentscheidenden Augenblick vor dieser Situation: Der Dreibund vertrag wardurch die von Österreich ohne vorherige Verständigung mit Italien ein-geleitete Aktion nicht nur dem Geiste nach, sondern auch nach seinemBuchstaben verletzt worden. Überdies hatten wir die italienische Re-gierung bis zum letzten Augenblick in völligem Dunkel gehalten. Endlicherklärten wir von uns aus den Krieg an Rußland und Frankreich undboten dadurch den Italienern die bequeme Handhabe, sich ex nexufoederis zu setzen. Fürst Bismarck hatte alle unsere Bündnisverträge aufdie Verteidigung gestellt. Er hielt es für undenkbar, daß ein Kanzler dessaturierten Deutschen Reichs, dessen größtes Interesse der Friede war,dumm genug sein könnte, von uns aus den Krieg, sei es an Frankreich , seies an Rußland , zu erklären.
Am 31. Juli entschied sich der italienische Ministerrat für Neutralität.Der einflußreichste und dabei zuverlässigste Freund, den wir in Italien hatten, der damals nicht im Amte befindliche Giovanni Gioütti, erklärtenach Prüfung der Lage dem Ministerpräsidenten Salandra wie demMinister des Äußern, dem ihm persönlich nahestehenden und politischbefreundeten San Giuliano spontan, er betrachte nach der von Österreich ausgehenden und von Deutschland leider geduldeten kopflosen Aktiongegen Serbien Neutraütät als die einzige für Italien mögüche Haltung.Daß daran Briefe und Telegramme des Kaisers an den von ihm persönlichmehr als einmal brüskierten König Viktor Emanuel nichts ändern würden,war vorauszusehen. Die Neutralitätserklärung Italiens bot Frankreich denungeheuren Vorteil, alle seine an der italienischen Grenze stehenden Truppenvon den Südalpen wegnehmen und sie gegen Deutschland werfen zu können.Das bereitete die Situation für die Marneschlacht. Und diese Schlachtwar, wie die rückschauende Betrachtung der militärischen Kritiker desWeltkrieges übereinstimmend festgestellt hat, für das Schicksal des Welt-krieges entscheidend. So furchtbar rächen sich politische Fehler. Und sozweifellos ist es, daß Kriege letzten Endes nicht militärisch, sondern poli-tisch gewonnen oder verloren werden. Nicht die Führer unserer Heere, son-dern in erster Linie Bethmann und Jagow haben den Weltkrieg verloren.
Gegenüber Rumänien ging es ähnlich. Hier wurde König Carol,der während seiner ganzen Regierung es als seine vornehmste Aufgabe Rumänien