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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DAVID UND GOLIATH

diese Auffassung für grundfalsch. Ich glaube nicht an die zwangsläufigeEntwicklung. Ich halte es mit Napoleon , der einem geschlagenen Unter-befehlshaber erwiderte, der sich mit derfatalite" entschuldigte:Lafatalite, l'excuse des incapables et des maladroits." Wir konnten mit einerruhigen und gewandten Hand 1914 ebensogut den Frieden wahren, wie wirihn 1888, 1905 und 1909 erhalten hatten. Jedenfalls brauchte sich dasDeutsche Reich nicht unter einer derartig ungünstigen Konstellation, in soungeschickter Weise, am Wiener Gängelband in diesen furchtbaren Kriegverstricken zu lassen.

Es ist begreif lieh, daß ich, der ich an dem Ausbau unserer Flotte einenDie großen Anteil gehabt habe, ihrer Betätigung im Kriege mit Spannung, mitU-Boot-Waffe hohen Erwartungen entgegensah. Die Tüchtigkeit unserer Matrosen, dieIntelligenz und der glänzende Geist unserer Seeoffiziere, die Stimmung inder Heimat, die mit vollem Vertrauen auf unsere blauen Jungen blickte,berechtigten zu stolzen Hoffnungen. Ich war, wie ich schon ausgeführthabe und wie ziemlich allgemein bekannt ist, bei aller Hochachtung für dieungewöhnliche Persönlichkeit des Großadmirals von Tirpitz, seinOrganisationstalent und seine Tatkraft doch seit dem Beginn des metho-dischen Ausbaus der Flotte, der mit der Ernennung von Tirpitz zumStaatssekretär des Reichsmarineamtes und meiner Ernennung zum Staats-sekretär des Auswärtigen Amts zusammenfällt, nicht ganz damit ein-verstanden, daß Tirpitz das Hauptgewicht gar so sehr auf den Bau großerKampfschiffe legte. Ich hätte es Heber gesehen, wenn Tirpitz, dem ihm vomgreisen Bismarck erteilten Rat folgend, mehr Kreuzer auf Kiel gelegt, wenner später, als die neue Waffe aufkam, rechtzeitig und in möglichst großerZahl U-Boote gebaut, wenn er eifriger für Flugzeuge gesorgt hätte. Laieauf diesem Gebiet und weit entfernt, in eine mir fernliegende Materiedilettantisch einzugreifen, hatte ich doch das instinktive Gefühl, daß wirmit einem forcierten Bau von Groß- und Schlachtschiffen die Engländerimmer mißtrauischer machten, sie schwer reizten, ohne sie doch überflügelnzu können. Das U-Boot erschien meinem Laienverstand als die Schleuder,mit welcher der kleine David, wenn ihm Wagemut und Glück nicht fehlen,den großen Goliath bezwingt. Nach dem Ende des Weltkrieges schrieb derenglische Admiral Scott:Wenn Kaiser Wilhelm im Herbst 1914 denVorschlag, England durch U-Boote zu blockieren, angenommen hätte, sowürde damals eine solche Blockade in kürzester Zeit den Zusammenbruchherbeigeführt haben." Und als im Dezember 1914 der Kaiser den AdmiralIngenohl, der unter sehr günstigen Gefechtsbedingungen den Kampf miteinem englischen Geschwader aufnehmen wollte, zwang, abzudrehen undnach Wilhelmshaven zurückzukehren, schrieb Admiral Scheer, der spätereSieger von Skagerrak :Der Eindruck, eine selten günstige Gelegenheit