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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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EIN KABINETTS-CHEF METTERNICHS

er von seinen Verehrern genannt wurde, pflegten mit der selbstbewußtenVersicherung zu schließen:Je suis le rocher de l'ordre politique et social."Graf Greppi hatte mit Chateaubriand und mit Alfred de Musset gesprochen,er hatte dem Gesang der Henriette Sontag gelauscht, er sah die göttlicheFanny Elßler tanzen. Als es 1848 zum Kriege zwischen der habsburgischenMonarchie und der von dem Hause Savoyen geführten italienischen Natio-nalbewegung kam, verließ Greppi den österreichischen Dienst. Einige Jahrespäter in die italienische Diplomatie aufgenommen, fungierte er als Bot-schafter des Königreichs Italien in Madrid und St. Petersburg . Er hatte vielerlebt und viel gesehen, ohne sich je in seinem Gleichmut stören zu lassen.Als ich ihn einmal frug, wie er es angefangen habe, um so alt zu werden,antwortete er mir:Ich habe mich niemals und über nichts geärgert." Mitfeinem Lächeln fügte er hinzu:Einmal, aber wirklich nur einmal, bin ichdiesem meinem Grundsatz untreu geworden. Das kam so: Ich befand michEnde der achtziger Jahre, damals italienischer Botschafter in St. Peters-burg, auf Urlaub in Rom . Ich hatte bei Gianette Doria in seinem schönenPalazzo gegessen und sehr gut gegessen. Als ich nach dem Diner das Hausverließ und auf den Corso trat, wurden die Abendzeitungen ausgerufen.Ich kaufte mir die ,Tribuna' und fand an der Spitze der Nummer in ge-sperrtem Druck die Nachricht, daß der Botschafter in St. Petersburg , GrafGreppi, in den Ruhestand versetzt worden sei. Das war ein brutaler Aktvon Crispi, qui n'en faisait jamais d'autres. Er hatte den guten KönigHumbert das Dekret, durch das ich in den Ruhestand versetzt wurde,unterschreiben und dieses Dekret sofort veröffentlichen lassen, ohne michauch nur zu informieren. Einen Augenblick, ich schäme mich, es zu sagen,war ich verstimmt, ich ärgerte mich. Aber das dauerte nicht lange. Sehrbald machte ich mir klar, daß ich mich im Ruhestand glücklicher und freierfühlen würde als in den Fesseln des Dienstes und zufriedener in Rom , inMailand und am Comersee als auf ausländischen Posten. Ne jamais sefaire du mauvais sang, voilä la vraie Eau de Jouvence." Greppi ist 103 Jahrealt geworden. Am Nachmittag des Tages, wo er am Abend ohne Todes-kampf in seinem väterlichen Palais in Mailand das Haupt senken und ver-scheiden sollte, hatte er in bester Stimmung den Rennen beigewohnt. Anseinem hundertsten Geburtstage, am 26. März 1919, hatte er für diehundert nach seiner Meinung schönsten Damen in Rom ein Diner im GrandHotel gegeben. Jede Dame fand auf ihrem Kuvert eine prachtvolle Rose.

An jenem Dezembertag 1914, an dem ich dem Grafen Greppi nachmeinem Eintreffen in Rom auf dem Pincio begegnete, sagte er mir:Cettegurre est differente de toutes les autres guerres que j'ai vues dans malongue vie: la guerre de Crimee, la guerre de 1859 entre l'Autriche et laFrance, vos guerres avec l'Autriche en 1866 et avec la France en 1870, les