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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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NUR EIN LOHNDIENER

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gewonnen, aber psychologisch war sie von vornherein verloren. Gegenüberder von der Wiener und Berliner Diplomatie geschaffenen Lage mußte auchdas diplomatische Genie eines Fürsten Bülow ergebnislos verpuffen."

Bei meiner Bückkehr nach Deutschland wurde ich bei meiner Durch-reise durch die Schweiz an der Grenze von den Schweizer Behörden mit Rückkehrgroßer Courtoisie begrüßt. In Karlsruhe erwartete mich ein Vertreter der nacn Berlin Frau Großherzogin Luise, um mir ihre Grüße und ihren Dank für meinepatriotische Wirksamkeit zu überbringen. In Berlin hatte der Staats-sekretär Jagow die Nachricht in Umlauf gesetzt, daß meine Ankunft nochnicht so bald erfolgen würde, um auf diese Weise jede Begrüßung am An-halter Bahnhof zu verhindern, die ich gar nicht wünschte. Am nächstenTage ließ das Auswärtige Amt in einigen ihm zugänglichen Blätternhöhnisch melden, daß sich zu meinem Empfang außer dem Besitzer desHotels Adlon nur ein Lohndiener eingefunden hätte. Eugen Zimmermannhatte mir schon früher geschrieben:Herr Staatssekretär von Jagow sagtebei Erörterungen, die über Ihre mögliche Wiederkehr auf den Kanzler-posten gepflogen wurden, das ginge nicht, weil Ihnen niemand glaube. Dashat er u. a. auch dem Grafen Schwerin-Löwitz gesagt. Diese Torheiten sindum so überflüssiger, als Sie ja gar nicht den Wunsch haben, wiederzu-kommen. Von dem, was Herr von Jagow über Sie erzählt hat, und zwarnicht um Ihnen zu nützen, möchte ich nur das Amüsanteste herausgreifen:Sie könnten am Tage höchstens eine halbe Stunde arbeiten, die übrige Zeitmüßten Sie schlafend auf der Chaiselongue verbringen." Es sei selbstver-ständlich, fügte Eugen Zimmermann hinzu, daß er solchem Klatsch, wo erihm begegne, den Stempel der Lächerlichkeit aufdrücke. Es erscheine ihmaber besser, ich wüßte solche Gemeinheiten, als daß ich ihnen wehrlosgegenüberstünde. Die Klatschereien über meine Lebensweise und Gesund-heit stammten von Flotow und wurden von Jagow in Berlin verbreitet. InWirklichkeit habe ich in meinem arbeitsreichen Leben nie mehr gearbeitet,auch nie mehr Menschen empfangen, gesehen und gesprochen als in Rom im Winter 1914/15. Zu den Gegenständen, die ich niemals besessen habe,gehört außer dem Schlafrock die Chaiselongue. Wäre das Gegenteil derFall, so würde ich mich in keiner Weise schämen, dies einzugestehen. KeinGeringerer als Fürst Bismarck pflegte als älterer Mann nach dem Essen aufder Chaiselongue zu hegen und in dieser Lage behagheh seine Pfeife zurauchen. In jüngeren Jahren trug er am Vormittag im Hause gern einenSchlafrock, sogar einen geblümten Schlafrock. Ich sehe ihn in diesemSchlafrock noch vor mir. Er sah altvaterisch und dabei doch ebenso ge-waltig aus wie im Koller der Halberstädter Kürassiere. Der BotschafterSchweinitz erzählte mir einmal, daß ihn Bismarck unmittelbar nach seinerErnennung zum Ministerpräsidenten und Minister des Äußern im Schlaf-