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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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WECHSEL AM WIENER BALLPLATZ

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Die Antwort der Wiener , durch den Botschafter Botho Wedel gern über-mittelt, lautete:Ad eins: J a!Ad zwei: Nein!

Gerade weil in Wien mehr und mehr die Tendenz hervortrat, sich aufunsere Kosten mit der Entente zu verständigen, wünschte man dort nichtmeine Rückkehr. Von mir wußte Wien , daß ich dieses Spiel durchschauenund nach Kräften verhindern würde. Sowohl die Allerhöchsten Damen, dieseit dem Regierungsantritt des Kaisers Karl die Situation beherrschten, alsdie k. und k. Minister des Äußern waren mir gegenüber von innerhchemMißtrauen erfüllt. Die einen, weil sie fühlten, die anderen, weil sie wußten,daß ich Österreich-Ungarn binnen vicrundzwanzig Stunden an die Kandarenehmen würde. Die Mutter des einfältigen Kaisers Karl, die ErzherzoginMaria Josefa, eine sächsische Prinzeß, seine Schwiegermutter, die Herzoginvon Parma, und seine Gemahlin Zita waren gleichmäßig von tiefer Ab-neigung gegen das Deutsche Reich, gegen Preußen und die Hohenzollern erfüllt. Der bajTische Gesandte in Wien , Freiherr von Tucher, der tüchtigeund kluge Sohn einer alten Nürnberger Familie, in deren Stammhaus HansSachs und Albrecht Dürer verkehrt hatten, ein Mann, der kein Blatt vorden Mund nahm, charakterisierte mir die nach dem am 21. November 1916erfolgten Tode des alten Kaisers Franz Josef am Wiener Hofe maßgebendgewordenen drei Damen wie folgt:Die Maria Josefa ist dumm wie Bohnen-stroh. Zita ist eine fesche kleine Intrigantin, und ihre Mutter ist einfach einMistviech."

Am Wiener Ballplatz, dem alten Sitz der österreichischen Minister desÄußern, war im Laufe des Weltkrieges auf den Grafen Berchtold, der einer Graf Ottokar der Hauptschuldigen bei der Ultimatumsaktion gewesen war, der Ungar CzerninBaron, später Graf Burian gefolgt. Berchtold war ein leichtsinniger undunfähiger Kavalier, Burian ein tüchtiger, gewissenhafter Beamter, aberpolitisch ein mittelmäßiger Kopf. Im Dezember 1916 wurde Burian durchden Grafen Ottokar Czernin ersetzt, der seine beiden Vorgänger geistigzweifellos überragte. Den Unsinn der Ultimatumsaktion würde er nicht mit-gemacht haben. Aus dem intimen Kreise des Erzherzogs Franz Ferdinandhervorgegangen, begriff er die Gefahren, die ein zu starkes Überwiegen desmagyarischen Einflusses auf die auswärtige Politik der Doppelmonarchiemit sich brachte. Als mehrjährigem Gesandten in Bukarest war ihm klargeworden, daß Österreich bestrebt sein müsse, die Reibungsfläche zwischender Doppelmonarchie und Rumänien möglichst zu verringern. Er kanntedasKonglomerat", wie die Österreicher scherzhaft ihr Vaterland zunennen pflegten, und wußte, wie wenig Verlaß im Grunde auf die Polen ,die Tschechen, die Südslawen war. Er wollte baldmöglichst zum Frieden