DIE FRONT
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Gebäude derartig zu erschüttern, daß es letzten Endes doch einmal zu-sammenbreche. In stürmischem Siegeslauf brach die deutsche Infanterieunter dem Schutz der vorwärtsrollenden „Feuerwalze" in die englischenStellungen ein. Sie entriß den Engländern unter Einbringung großer BeuteBapaume , wo ich als junger Husar fast ein halbes Jahrhundert früher ge-fochten, sie erreichte Montdidier und Albert, wohin ich damals manchePatrouille geritten hatte. Aber bis Amiens kamen wir diesmal nicht. Ob-wohl zwei engüsche Armeen geschlagen waren, unsere Tapferen fasthunderttausend Gefangene gemacht, über tausend Geschütze eroberthatten, wurde ein strategischer Gewinn nicht erzielt. Zu groß war die Über-macht der Feinde, denen das Menschen- und Kriegs-Material fast derganzen Welt zur Verfügung stand. Die letzte Entscheidung gaben die nachEuropa transportierten amerikanischen Truppen.
Gegenüber so heroischen Leistungen des deutschen Heeres verstummtjede Kritik. Ich will jedoch nicht verhehlen, daß ich in jenen Tagen michoft gefragt habe, ob es richtig war, daß wir an der Somme standen und ander Weichsel, in den Vogesen und in den Karpathen, in Kurland und in derUkraine, am Isonzo und am Euphrat, daß wir in Rumänien und in Palä-stina fochten. Ich habe damals wiederholt gesagt und auch nach Berlin geschrieben, daß Napoleon trotz seines Genies und trotz des fast uner-schöpflichen Menschenmaterials, das ihm die von ihm unterjochten Völker,die Deutschen und die Italiener, die Holländer und die Belgier, üefernmußten, schließlich doch unterlag, als er Moskau und Madrid, Rom undAmsterdam besetzt hielt. Qui trop embrasse, mal etreint. Es wäre bessergewesen, wenn wir uns aus dem Osten zurückgezogen und ganz auf denWesten konzentriert hätten. Mit äußerster Spannung, mit Herzklopfenverfolgte ich den zweiten deutschen Angriff in Frankreich , die Schlacht ander Lys, den dritten Angriff, die Eroberung von Soissons durch unserentapferen Kronprinzen.
Der vierte deutsche Angriff mit dem Ziele Reims , das durch die Er-oberung von Epernay im Westen und Chälons-sur-Marne im Osten um-klammert, uns von selbst zufallen sollte, brachte im Juli 1918 die militä-rische und damit, wie die Dinge lagen, die welthistorische Wende. DerMarne-Ubergang gelang glänzend. Aber die deutschen Pläne waren ver-raten worden. Der Feind hatte in Kenntnis unserer Absichten die Ver-teidigung in die zweite Stellung verlegt. Ich hörte sogleich, daß in jenenTagen sich zum ersten Male Zeichen moralischer Zersetzung im Heere be-merkbar machten. Manche Truppenteile versagten den Gehorsam. Regi-menter, die tapfer vorgingen, wurden von sozialistisch verseuchtenTruppenteilen, denen sie begegneten, mit dem schmählichen Ruf „Streik-brecher" begrüßt. Es ist allgemein bekannt, daß ein angesehener englischer