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DIE GEFAHREN DER PHANTASIE
freundschaft gewähren würden, die dem ritterlichen Geist der spanischen Nation entspräche. Aber wie denke sich der hohe Herr die Reise von Berlin nach Spanien? Den üblichen Landweg über Paris und Hendaye-Irun könneer nicht wohl einschlagen, ebensowenig den Seeweg über Italien undBarcelona . Die Antwort lautete, der Kaiser trage sich mit der Absicht,imU-Bootnach San Sebastian zu gelangen, wie dies nicht lange vorhereinem kühnen deutschen U-Boots-Kommandanten gelungen war. DieserPlan scheint nur eine Seifenblase gewesen zu sein, die ebenso raschzerplatzte, wie sie sich gebildet hatte. Sicher war, daß der Berliner BodenSeiner Majestät unter den Füßen brannte.
Daß es dem Kaiser gegenüber einer präsenten Gefahr nicht an Mutfehlte, hatte er, wie ich seinerzeit erzählte, während der bangen Tagebewiesen, wo er an Wucherungen im Halse erkrankte, was in der Erinnerungan das Krebsleiden beider Eltern so wie anderer Vorfahren auch einenstarken Mann umwerfen konnte. Wilhelm II. betätigte seine Unerschrocken-heit beim Reiten, das für ihn bei der Unbrauchbarkeit seines linken Armesimmer mit Gefahr verbunden war. Ich bin endlich oft mit ihm in Wilhelms-höhe, in Wiesbaden und Homburg, in Kiel und auf vielen Reisen unbewachtspazierengegangen, ohne daß er die geringste Besorgnis an den Tag legte.Aber bei Wilhelm II. überwog Phantasie, Schillers kühne Seglerin, bis-weilen die ruhige Überlegung, die Metis der alten Griechen. Bei einemDichter wäre das ein Vorzug gewesen, rühmt doch auch der OlympierGoethe als seine Göttin die ewig bewegliche, immer neue, seltsame TochterJovis, sein Schoßkind, die Phantasie. Bei einem Regenten hatte eine so regePhantasie ihre Gefahren. Schon deshalb bedurfte Wilhelm II. so sehr, sodringend ruhiger und besonnener Ratgeber. Möglichkeiten, die ihm seinePhantasie vorspiegelte, rissen ihn entweder zu übertriebenen Erwartungenhin oder versetzten ihn in ebenso übertriebenen Schrecken. Seit demtragischen Ende des unglücklichen Zaren Nikolaus II. stand der DeutscheKaiser unter dem Eindruck dieses entsetzlichen Ereignisses. Der Zar sei,so glaubte der Kaiser, daran zugrunde gegangen, daß er zu lange mit seinerAbreise aus der Hauptstadt nach dem Hauptquartier gezögert hätte.Deshalb wäre es den Aufrührern möglich gewesen, ihn unterwegs abzu-fangen, zur Abdankung zu zwingen und dann abzuschlachten. Der Kaiserübersah den weiten Abstand zwischen russischen und deutschen Ver-hältnissen, deutscher und ausländischer Mentalität und Tradition. Nie hatein deutscher Fürst das Schafott bestiegen, wie in Frankreich und England Ludwig XVI. und Karl I., nie war in Deutschland ein Herrscher ermordetworden, wie in Italien, in Schweden, wie mehr als einmal in Rußland .
' Jedenfalls war es ein großer politischer Fehler von Seiten des Kaisers,daß er im Herbst 1918 seine Hauptstadt verließ. Er hätte in Berlin bleiben,