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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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EIN DEUTSCHER GAMBETTA?

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Verehrung, stünde auch persönlich zu ihm in guten Beziehungen. Er haltesogar dessen Ernennung zum Reichskanzler für die richtige Lösung.Aber",sagte er,den Fürsten Bülow bringe ich beim Kaiser nicht durch. Dasist völlig ausgeschlossen." Dieser Standpunkt des Kabinettsrats SeinerMajestät war an und für sich begreif lieh. Ein gedeihliches Zusammen-arbeiten mit Wilhelm II. war in dieser gefahrbeschwerten Lage nur möglichbei vollem und rückhaltlosem gegenseitigen Vertrauen. Der Kaiser war vonLeuten, die glaubten, ihm damit einen Gefallen zu erweisen und sich seineGunst zu sichern, in Abneigung und Mißtrauen gegen mich erhalten worden.Die Selbstbeherrschung und das Pflichtgefühl, deren er bedurft hätte, umdie fast ein Jahrzehnt lang bei ihm mit allen Mitteln genährte und lebendig-erhaltene Ranküne zu überwinden, besaß er nicht.

Ich weiß nicht, ob es mir gelungen wäre, Wilhelm II. oder wenigstensdie Dynastie zu retten. Daß ich auf Wilsons Propositionen ohne weitereshereingefallen wäre, wie Prinz Max und Neulinge vom Typ Haußmann undErzberger, glaube ich nicht. Ich möchte mich gegen den Vorwurf billigerKombinationspolitik verwahren. Aber für mich wie für jeden anderenbraven Preußen und politisch klarblickenden Deutschen war in denOktobertagen des Jahres 1918 nur noch ein Ausweg möglich. Wir mußtenfechten, weiterfechten. Es blieb uns keine andere Wahl. Die Zügel imInnern mußten schärfer angezogen, die Etappe gründlich gesäubert, jederverfügbare Mann an die Westfront gebracht werden. Es war, wie mir voneinsichtsvollen Militärs versichert worden ist, ein Ausharren noch an ver-schiedenen Stellen möglich, jedenfalls am Rhein . Das habe sich mit vollerKlarheit aus den Äußerungen der Regimentsführer ergeben, die in größererAnzahl aus allen Abschnitten der Front in das Hauptquartier befohlenworden waren, um der Heeresleitung über die Stimmung in der vorderstenKampf linie Meldung zu erstatten. Im Gegensatz zu ihren Oberkommandoshätten sich die Regiments- und Brigadeführer für die Fortsetzung desKampfes ausgesprochen und sich für den ungeschwächten Kampfgeistihrer Truppen verbürgt. Daß wir, als unsere Regierung kapituherte, sehrwohl in der Lage waren, weiterzufechten, und sogar unter militärisch nichtallzu ungünstigen Verhältnissen, hat nach dem Ende des WeltkriegsMarechal Foch wiederholt geäußert. In einem Interview, das er im Juli 1928einem Mitarbeiter derWiener Neuen Freien Presse" gewährte, erklärteunser bedeutendster Gegner seinem Besucher, daß Deutschland imSeptember 1918 hinter dem Rhein hätte standhalten können.Wenn dasdeutsche Volk einen Gambetta besessen hätte, wäre der Krieg verlängertworden, und wer weiß . . ." Auf den Einwurf, das Beispiel Gambettas hättebewiesen, daß ein heldenhafter Widerstand eines militärisch besiegten Volksnur dazu diene, den Krieg nutzlos zu verlängern, erwiderte Marschall Foch: