DER 9. NOVEMBER
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Ferien in Darmstadt verlebt habe. Er, der Großherzog, könne sich unmöglichdazu hergeben, Kaiser Wilhelm II. die seidene Schnur zu überbringen.
Endlich gelang es dem Prinzen Max, den damaligen preußischen Ministerdes Innern, Herrn Drews, zu überreden, seinerseits den Versuch zu unter- Der Kaisernehmen, dem Kaiser klarzumachen, daß er nicht länger bleiben könne. Der * n SfMinister hatte kaum seinen hierfür sorgsam vorbereiteten Vortrag begonnen,als ihm der Kaiser, bei dem sich gegenüber diesem ziemlich subalternenBürokraten endlich der fürstliche Stolz aufbäumte, die Tür wies. Daß imParlament, ja selbst im Schöße seiner eigenen Regierung, auf seine Ab-dankung hingearbeitet, daß sie als Erleichterung des Friedensschlussesbetrachtet wurde, war dem Kaiser auch ohne den letzten Vortrag, den ervon seinem Minister des Innern entgegennahm, nicht verborgen geblieben.Als er Berlin verließ, um sich in das Hauptquartier nach Spa zu begeben,wußte er, daß sein persönliches Schicksal ungewiß, das der Dynastiegefährdet war. Er tat aber nach außen, als ob er nicht weichen werde. Nocham 6. oder 7. November erzählte mir der Generaladjutant Löwenfeld, derKaiser habe ihm aus Spa telegraphiert, er möge „allen Treuen im Lande"sagen, daß der König von Preußen und Deutsche Kaiser „bis zum letztenBlutstropfen" standhalten würde. Als die Meldung von der Revolte in Kiel ,von der Revolution in München und in Berlin eintraf und gleichzeitigGerüchte die Stadt durchschwirrten, daß die Feldarmee im Westen denGehorsam versage, besuchte mich Graf August Eulenburg und sagte mir:„Nun müssen wir Gott bitten, daß unser Herr den Mut findet, an der Frontzu fallen." Das war in der Tat die letzte Möglichkeit, die Lage zu Gunstender Dynastie zu wenden.
Prinz Max, dessen Leistungsfähigkeit von Brom und Chloral abhing,hatte den Rest seiner Nervenkraft eingebüßt und den Kopf völlig verloren.Er hatte unter dem Hinweis auf die Möglichkeit blutiger Zusammenstößein Berlin telegraphisch und zum Schluß sogar telephonisch in Spa in-sistiert, daß der Kaiser so rasch als möglich abdanken müsse. Wilhelm II. war nicht mehr in der Lage gewesen, die Angaben seines letzten Kanzlersauf ihre Richtigkeit nachprüfen und feststellen zu lassen, wie weit sie derWirklichkeit entsprächen und wie weit sie durch Neurasthenie diktiertwaren. Die überstürzt vollzogene Abdankung war in Berlin auf Anordnungdes Prinzen Max schleunigst bekanntgegeben worden. Die Nachricht vonder Abdankung, welche die noch treugesinnten Heeresteile des oberstenKriegsherrn beraubte, hatte auf den Geist der Front katastrophal gewirkt.Nicht lange nachher traf in Berlin die Meldung ein, daß Wilhelm II. überdie holländische Grenze geflohen sei und bei dem Grafen Godard Bentinckin Schloß Amerongen Aufnahme gefunden habe. Von allen Berichten überdie Ankunft des Kaisers in Holland scheint mir der wahrheitsgetreuste die