KEINE SICHERHEIT MEHR
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Da der F. M. Mir Meine Sicherheit hier nicht mehr gewährleistenkann und auch für die Zuverlässigkeit der Truppen keine Bürgschaft über-nehmen will, so habe Ich Mich entschlossen, nach schwerem inneremKampfe, das zusammengebrochene Heer zu verlassen. Berlin ist total ver-loren, in der Hand der Sozialisten, und sind dort schon zwei Regierungengebildet, eine von Ebert als Reichskanzler, eine daneben von den Un-abhängigen. Bis zum Abmarsch der Truppen in die Heimat empfehle Ich,auf Deinem Posten auszuharren und die Truppen zusammenzuhalten! SoGott will, auf Wiedersehen. Gen. von Marschall wird Dir Weiteres mitteilen.Dein tiefgebeugter Vater (gez.) Wilhelm." Nur Wilhelm II. war imstande,mit soviel Natürlichkeit, mit solcher Naivität den eigentlichen Grund seinesUbertritts über die holländische Grenze zum Ausdruck zu bringen, nämlichdie Furcht des Neurasthenikers vor den Gefahren, die seine Phantasie ihmvorspiegelt. Diese Furcht war stärker als der Gedanke an das künftigeVerdikt der Geschichte, an die glorreichen Traditionen seines Hauses, alsdie Erinnerung an Vater und Großvater, an den großen König und dengroßen Kurfürsten.
Als Wilhelm II. den Kanzler Bismarck fortschickte, hatte mein BruderAdolf, damals diensttuender Flügeladjutant Seiner Majestät, geäußert: Die Ver-„Dieser fürchterliche Entschluß läßt sich moralisch überhaupt nicht recht- antwortungfertigen. Möge er wenigstens politisch dadurch repariert werden, daß die ^ UTRegierung Wilhelms II. gut verläuft und vor allem gut abschließt." DieVerabschiedung des Fürsten Bismarck am Anfang seiner Regierung, dieFlucht ins Ausland an deren Ausgang ist mehr, als die Schultern Wilhelms II.tragen konnten und als die Geschichte verzeihen kann. Keiner der auch vonwohlmeinender Seite unternommenen Versuche, die Schuld an der Fluchtins Ausland vom Kaiser ab- und anderen zuzuwälzen, kann ernsthafterPrüfung standhalten. Es gibt im Leben jedes Menschen Situationen, wo ereinzig und allein auf sich selbst gestellt ist. Mehr als für jeden Menschen giltdiese Wahrheit für den Fürsten . In einem solchen Augenblick konnte demKaiser und König niemand die Verantwortung abnehmen, mußte er dieEntscheidung selbst treffen. Der Nachfolger des Großen Kurfürsten, desGroßen Königs und des Großen Kaisers mußte selbst seinen Weg finden.Die Kraft und den Willen, den rechten Weg zu finden, mußte geradeWilhelm II. aufbringen, der hundertmal laut und öffentlich verkündet hatte,er fühle sich als Monarch Gott allein verantwortlich, diese Verantwortungkönne ihm kein anderer, kein Ratgeber, kein Minister, kein Parlamentabnehmen. Wer dreißig Jahre lang so gesprochen und das mit solcherFeierlichkeit und anscheinend mit voller Uberzeugung verkündet hat, darfsich nicht, sobald er auf die Probe gestellt wird, auf andere herausreden,darf nicht sagen, der Admiral Hintze habe ihm dies geraten, der General