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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE SÄULEN VON PERDÖL

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liebe Frau. Sie hatte den Schmerz gehabt, zwei Töchter im blühendstenAlter zu verlieren, denen sie in ihrem Flottbeker Park ein Denkmalerrichtete, das ein italienischer Bildhauer in italienischem Marmor aus-geführt hatte und das wir mit Wehmut betrachteten. Meine Großmutterhatte, von meiner Mutter begleitet, Italien noch in der alten guten Weisebereist, d. h. nicht mit der Eisenbahn, sondern mit Wagen und Pferden.So fuhr sie von Hamburg nach Rom, von Rom nach Neapel und vonNeapel zurück an die Elbe . In seiner trefflichen Geschichte der Deutschenin Rom gedenkt Friedrich Noack ihres Besuches in der Ewigen Stadt undder Unterstützungen, die sie dort talentvollen deutschen Künstlern an-gedeihen ließ. In meinem Eßzimmer in Flottbek stehen noch heute eineTänzerin aus karrarischem Marmor und ein David mit der Schleuder ausdemselben Material, die meine Großmutter vom Tiber an die Elbe brachte.Der älteste Sohn meiner Großmutter, Wilhelm Rücker, hat sein Leben inruhiger Beschaulichkeit auf seinem holsteinischen Gute Perdöl verbracht.Die Säulen, auf denen das Dach von Perdöl ruht, habe ich als Kind sehrbewundert. Ich sah aber später ein, daß die Säulen des Parthenon nochschöner sind. Mein Onkel Wilhelm besaß nicht den Bildungstrieb und denGeist seines jüngeren Bruders. Als er einmal in die Schweiz reiste, wurdemein Vater gefragt, ob sein Schwager dort größere Bergbesteigungen unter-nommen habe. Mein Vater erwiderte:Meines Wissens hat der gute Wil-helm nur das Faulhorn bestiegen!" Diese Anspielung auf die Trägheitmeines Oheims erweckte große Heiterkeit bei mir. Ich habe immer eineSchwäche für Witze gehabt, selbst wenn sie, was mir in meiner politischenLaufbahn wiederholt passierte, auf meine Kosten gemacht wurden. Aberallerdings goutiere ich nur wirklich gute Witze, die im deutschen öffent-lichen Leben nicht häufig sind. Ich glaube übrigens, daß mein Onkel Wil-helm mit seinem Ruhebedürfnis und gerade durch dieses alles in allemglücklicher geworden ist als viele andere, die mit dem griechischen Weisendas Leben in der Bewegung suchen. Vom Standpunkt des Eudämonismusaus hat er also recht gehabt. Der jüngste Sohn meiner Großmutter, ihrLieblingssohn Oskar, war in frühester Jugend einem tückischen Leiden er-legen, der Dyskrasie, einer Blutkrankheit, an der auch der letzte russischeZarewitsch gelitten haben soll. Die Mutter meiner Mutter steht vor mir alsalte, völlig gebrochene Frau, die weinendOskar, Oskar" murmelt undimmer wiederholt:Er war so heb, er war so gut, ach, ein so liebes Kind,und mußte so leiden und so früh sterben."

Das Landhaus meiner Großmutter Rücker lag an der FlottbekerChaussee. Es war ein Fachwerkbau, aber in seiner Einfachheit geschmack- Bülowsvoller als die moderneren, meist überladenen Gebäude. In diesem Hause Geburtshaushabe ich am 3. Mai 1849 das Licht der Welt erblickt. Neben dem Hause lag