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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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ERSTE SEEFAHRT

freund war mir der Solin des Hamburger Syndikus Merck. Syndikus nannteman den Senator, der die auswärtigen Geschäfte derFreyen und Hansa-stadt" vornahm und deren auswärtige Politik leitete. Ein Vorgänger desSyndikus Merck, der Syndikus Gries, begegnete einmal dem gern witzelndenLiterarhistoriker und Ästhetiker Friedrich Schlegel , der ihn mit den Wortenanredete:Wie geht's, lieber Grindikus Süß?" Schlagfertig erwidertedieser:Ganz gut, bester Schriedrich Flegel." Mein Jugendfreund ArthurMerck ist in späteren Jahren nach England gezogen und dort zum Eng-länder geworden. Wieviel Blätter, kleine und große, gute und schlechte,wieviel Zweige und Äste hat die deutsche Eiche verloren seit den Tagen derVölkerwanderung!

Aus dem Haus unserer Großmutter sahen wir täglich die Schilfe vor-überziehen, die fremde Meere, weit entfernte, wunderbare Länder auf-suchten. Groß war mein Wunsch, auch einmal eine Seefahrt unternehmenzu können, groß meine Freude, als mein Vater mir ankündigte, daß ich amnächsten Tage die Probefahrt eines neuen Dampfers mitmachen dürfte, diemich bis nach Helgoland und um die Insel herumführen würde. Begeistertbestieg ich am Morgen mit meinem Vater in St. Pauli das stattliche Schiff.Rasch und ohne Zwischenfall verbef die Fahrt bis Cuxhaven . Dort wurdezum Essen gerufen. Mein Vater speiste mit den Honoratioren auf dem Ober-deck, ich mit den dii minorum gentium unter Deck. Es gab nach Ham-burger Art ein opulentes Essen und namentlich viele gute und schwereWeine. Meine Nachbarn schenkten mir vierzehnjährigem Jungen fleißig einund tranken mir freundlich zu. Ich trank nacheinander und mit zunehmen-dem Vergnügen Sherry , Moselwein, Rheinwein, Bordeaux, Champagner,Madeira, Kognak. Dann empfand ich ein wachsendes Bedürfnis nachfrischer Luft und begab mich auf das Oberdeck. Dort sah ich in der Fernemeinen Vater und ging in gehobener Stimmung auf ihn zu. Aber ach!Mein Gang war schwankend. Nur mühsam hielt ich mich auf den Beinen.Vor ihm und dem würdigen Syndikus Merck angelangt, taumelte ich undfiel zu Boden.Du bist ja total betrunken", sagte in strengem Ton meinVater zu mir. Die Umstehenden lächelten. Mein Vater fuhr fort:Marschunter Deck. Schlaf deinen Rausch aus und laß dich nicht wieder blicken,bis wir in St. Pauli zurück sind." Sehr beschämt folgte ich. Auf dem Rück-weg von St. Pauli bis Flottbek mußte ich vor meinem Vater gehen, um ihmzu beweisen, daß ich wieder fest auf den Füßen stünde. Am nächstenMorgen sagte er mir, Betrunkenheit sei eine der verderblichsten und dabeiwiderwärtigsten Sünden. Das Beispiel von Noah dürfe ich nicht zu meinerEntschuldigung anführen, denn der habe sich von den Prüfungen und Auf-regungen der Sintflut erholen wollen, ich hätte aber gar keine Entschul-digung.