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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN URTEIL ÜBER MOLTKE

Auch in Halle ritten wir. In der Universitätsreitbalm unterrichtete unsder Universitätsreitlehrer Andre, ein alter Offizier, der uns in der HohenSchule unterwies: im spanischen Tritt, in der Passade und im Piaffieren.Das Pferd, auf dem ich diese Kunststücke ausführte, hießMarquis". EineÄußerung des wackeren alten Andre ist mir im Gedächtnis geblieben, wieich jene von mir früher erwähnte Bemerkung unseres Frankfurter ArztesStiebel über Schopenhauer nie vergaß. Als wir Andre im März 1866 frugen,was er von dem Chef des Generalstabs, Hellmuth von Moltke, halte, warseine Antwort ein einziges, im echten Brummton eines alten pensioniertenOffiziers herausgestoßenes Wort:Prinzessinnentänzer!" Es war wirklichnicht möglich, den großen Schlachtenlenker, den weisen, stillen DenkerMoltke unrichtiger zu charakterisieren, wie es auch nicht möglich war, sichvon Arthur Schopenhauer ein falscheres Bild zu machen, als dies seinFrankfurter Zeitgenosse tat. Der Sohn Andres hat später als Redakteur derFachzeitschrift Der Sport" viel für die Entwicklung der Reiterei getan.In Halle ritten wir zusammen im Freien. Ich habe manche Hecke undmanchen Graben mit ihm genommen.

Außer Turnen, Reiten und Kegeln wurde auch Schwimmen in Halle mitDie Halloren Lust betrieben. Wir hatten schon im Main und im Zierker See geschwommen,erhielten aber jetzt methodischen Unterriebt durch die wackeren Halloren,von denen die Sage ging, daß sie von den fabelhaften Kelten abstammten.Sie besaßen das Monopol wie der Ausbeutung der Salzquellen, von denender Gutjahrbrunnen noch benutzt wurde, so auch des Schwimmunterrichts.Sie trugen eine malerische Tracht: kurze Hosen, bunte Strümpfe, eine langeWeste mit kugelartigen silbernen Knöpfen, dazu einen Dreispitz. Eine Ab-ordnung der Halloren fuhr in jedem Jahr am Neujahrstag nach Berlin , umIhren Majestäten, dem König und der Königin, je eine Wurst und sechs inder Salzquelle gesottene Eier zu überreichen. Solange ich Ministerpräsidentwar, haben sie auch mich, in Erinnerung an den mir einst erteilten Unter-richt, mit solchen Gaben erfreut. Unter ihrer sachverständigen Leitungübte ich mich fleißig im Rückenschwimmen und im Paddeln, im Wasser-treten und im Kopfsprung, der aber nicht zum Froschsprung werden durfte,vor allem im Tauchen und Schwimmen unter Wasser. Gern ließen wir unszum Schluß am Wehr von den kühlen Wellen bespülen.

Ich hätte damals nicht gedacht, daß die freundliche Saale einmal inder Revolution der Schauplatz eines der abscheulichsten Verbrechenwerden sollte. Nach dem Novemberumsturz überfiel der Pöbel in Halle denMajor von Klüber und warf ihn in die Saale . Der Unglückliche versuchte,sich durch Schwimmen zu retten. Die Menge schleuderte Steine und Eisen-stücke nach ihm. Obwohl aus mehreren Kopfwunden blutend, gelang esdem tapferen Mann, das andere Ufer zu erreichen. Da hackten ihm die