DIE KONFLIKTZEIT
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derartiges Phrasendreschen, solche Simpeleien wirken konnten, und dasgegenüber den Bismarckschen Reden, in denen alles Kraft und Geist, woalles tief und genial war ? Ich glaube, daß zur Zeit unter hunderttausendDeutschen nicht einer mehr weiß, wer Grabow, wer Bockum-Dolffs war, inder Konfliktzeit hochgefeierte „Volksmänner". Freilich ist es ein gewöhn-licher Fehler deutscher Intellektueller, sich neuen Richtungen und Strö-mungen zunächst mit vorgefaßter Meinung, ungerecht, bisweilen blind zuwidersetzen. Hat sich die neue Richtung aber durchgesetzt, so ziehen die-selben Intellektuellen mit Korybantenlärm, in wilder Begeisterung, mitMusik und Tanz vor der Göttin Kybele her. Den Rekord gegenüber Bis-marck schlug in dieser Beziehung der Historiker Heinrich Sybel . Er hattewährend der Konfliktzeit in der vordersten Reihe der Gegner des Minister-präsidenten gestanden, den er im Abgeordnetenhaus zügellos angriff. Nach-dem Bismarck sich durchgesetzt hatte, schrieb Sybel in sieben Bänden einBuch über die Gründung des Deutschen Reiches, in dem er dem Minister-präsidenten ebenso ungestüm huldigte, wie er ihn früher geschmäht hatte.Das Sybelsche Werk ist mittelmäßig. Als es Fürst Bismarck , dem es derVerfasser mit einer pomphaften Ansprache überreicht hatte, durchblätterte,hörte ich ihn sagen: „Wenn ich die Wahl habe, dies öde Buch von A bis Zdurchzulesen oder mich von seinem Verfasser noch einmal beschimpfen zulassen, so ziehe ich das letztere vor." Fürst Bismarck lobte bei diesem An-laß Macaulay, Carlyle und Motley.
Bei retrospektiver und abgeklärter Betrachtung halte ich es für ein Un-glück, daß der deutsche Liberalismus, also in gewisser Hinsicht die deutscheIntelligenz, Bismarck in der Konfliktzeit gar so einfältige Opposition ge-macht hat. Das hatte zur Folge, daß der größte deutsche Staatsmann dendeutschen Liberalismus und seine Vertreter bis zuletzt innerlich allzuniedrig eingeschätzt hat. Die Blößen, die sich, wie schon 1848/49, so in ver-stärktem Maße in der ersten Hälfte der sechziger Jahre der Liberalismusgab, führten dahin, daß die Liberalen von einer großen Anzahl Deutscherals hoffnungslos unfähig und unbrauchbar angesehen wurden. Auf der einenSeite verhöhnt von dem geistreichen Ferdinand Lassalle , auf der anderenverachtet von dem gewaltigen Bismarck, verlor der deutsche Liberalismusund mit ihm ein gutes Stück deutscher Bildung, der Professor, der Jurist,zu sehr an Prestige. Der Gerechtigkeit halber muß ich hinzufügen, daß dieLiberalen und Demokraten in der Konfliktzeit freilich jämmerlich ab-schnitten. Ein kleines Beispiel, das mir, als ich schon Minister war, ge-legentlich ein alter Parlamentarier erzählte: Infolge von Überarbeitungkörperlich angegriffen, machte Bismarck während einer Debatte im Ab-geordnetenhause einen abgespannten und müden Eindruck. Einer derFührer der Opposition benutzte dies, um in hämischen Worten der Meinung
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