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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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VATER UND SOHN

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christlichem Boden. Er war ein strenggläubiger, gleichzeitig ein warm-herziger Geistlicher, der bald zu seinen Konfirmanden in ein vertrauens-volles Verhältnis trat, sich ihre Achtung und Liebe erwarb. Der Gedanke,an den Tisch des Herrn zu treten und den Leib und das Blut Christi zuempfangen, entweder zum Heil oder zur Verdammnis, beherrschte michganz in der Zeit vor meiner Einsegnung. Mit voller Uberzeugung und In-brunst wiederholte ich das altväterbche Gebet, das so viele meiner Vor-fahren, von väterlicher wie von mütterlicher Seite, vor mir gebetet hatten:Dein heiliger Leib, o Herr Jesu Christe, mein Herr und Gott, gedeihe mirzum ewigen Leben und dein teures Blut zur Vergebung aller meiner Sünden.Laß mir dein heiliges Sakrament nicht zum Gerichte, sondern zur Seligkeitund wahren Freude gereichen und mache mich armen Sünder würdig, daßich in deiner letzten Zukunft, am Tage des letzten Gerichts, zur Rechtender ewigen Herrlichkeit fröhlich stehen möge. Amen." Ich habe, eingedenkder Mahnung des großen Apostels (I. Kor. 11, 2729), so oft ich zumheiligen Abendmahl ging, dies Gebet wiederholt und werde es, so Gott will, in meiner Sterbestunde beten dürfen. Am Tage vor unserer Konfir-mation mußten wir bei Pastor Seiler beichten. Er entüeß mich miternsten Mahnungen, da, wie er sagte, in mir neben frommen und gutenauch gefährliche und böse Anlagen und Triebe schlummerten. Mehr nochals andere müsse ich mich vor Versuchungen hüten, am Gebet festhalten,vor allem Selbstzucht üben. Als Konfirmationsspruch gab er mir denersten Vers des ersten Psalms:Wohl dem, der nicht wandelt im Rateder Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzet, wo dieSpötter sitzen."

Mit meinem Vater hatte ich am Tage nach meiner Konfirmation, wäh-rend der Rückfahrt über Berlin nach Neustrelitz , eine peinliche Ausein-andersetzung. Er fand mich in meinem religiösen Empfinden zu exaltiert.Meine Mutter hatte mehr Verständnis für meine Stimmung, wagte abernicht, dem Vater entgegenzutreten. Ich selbst widersprach um so gereizter.Ich sagte schließlich meinem Vater, ich hätte die Empfindung, daß manmir nach einem Sonnenbade einen Eimer eiskalten Wassers über den Leibgösse.

Mein weiser Vater ließ die Diskussion fallen. Erst in Neustrelitz kamer auf das Thema zurück. Er lobte meine Empfänglichkeit für Gottes Wortund Sakrament, aber er fügte hinzu, daß es nicht auf momentane psychischeErregung ankomme, sondern auf einen stetigen frommen Lebenswandel. Ergedachte des Hegeischen Wortes von der Pendelschwingung: ein allzustürmischer Pendelschlag in der einen, wenn auch noch so guten Richtungberge in sich die Gefahr einer ebenso heftigen Pendelschwingung in derentgegengesetzten Richtung. Also auch hier weder Lauheit, Seichtheit,

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