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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE BARONIN UND DER ZOLLAUFSEHER

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Bismarck zeigte sich 1866 auch darin als Meister der Staatskunst, daßer sich bis zuletzt alle Wege olfenhielt. Bis kurz vor Beginn der Feind- BismarckSeligkeiten verhandelte er mit dem Bruder des besten österreichischen verhandeltGenerals, dem Freiherrn LudwigvonGablenz, einem geborenen Sachsen,über die Möglichkeit einer für Preußen annehmbaren Verständigung mitÖsterreich. Bayern schlug er eine Bekonstruktion von Deutschland auf derBasis vor, daß nördlich des Mains Preußen, südlich Bayern die Führungübernehmen sollte. Er hat auch bis zuletzt gegenüber Hannover nicht alleBrücken abgebrochen. Dem Erben der hessischen Krone, dem Land-grafen Friedrich Wilhelm, sagte er persönlich bei einem Besuch, den ihmdieser im Frühjahr 1866 abstattete, er möge dafür sorgen, daß sein Familien-chef, der Kurfürst Friedrich Wilhelm , sich auf die preußische Seite stelle.Als der Landgraf erwiderte, dazu sei es zu spät, die endgültige Entscheidungin Kassel, die für Österreich ausfallen werde, solle schon am nächsten Vor-mittage getroffen werden, meinte Bismarck :Nehmen Sie sich einen Extra-zug nach Kassel , dann können Sie noch Ihre Krone retten." Als der fürseinen Geiz berühmte Landgraf auf die Spesen eines Sonderzuges hinwies,antwortete Bismarck :Greifen Sie in die Tasche und wenden Sie tausendTaler an einen Sonderzug. Es wird sich lohnen, sonst geht es Hessen an denKragen." Hochmütig erwiderte der Landgraf:Sie vergessen, daß sechs-hunderttausend Österreicher zwischen mir und Ihnen stehn."

Die Meisterschaft, mit der Fürst Bismarck im Schicksalsjahr 1866 diepreußische Politik leitete, tritt noch deutlicher hervor, wenn wir uns daran Freiherrerinnern, wie wenig sich der leitende Minister auf die damaligen preußischen von WerthVertreter im Ausland verlassen konnte. Gesandter in Wien war der Frei-herr Karl von Werther. Er war durch und durch österreichisch gesinnt.Seine Frau, eine geborene Gräfin Oriola, war es womöglich noch mehr als er.Als nach dem Ausbruch des Krieges die österreichische Begierung Herrnvon Werther seine Pässe zugestellt hatte und er seinen bisherigen Wirkungs-kreis verlassen mußte, umarmte die Baronin Werther an der österreichisch-preußischen Grenze den dicken Zollaufseher, der, seine Mütze mit derschwarzgelben Kokarde auf dem Kopf, das Gepäck abfertigte, unter Tränenmit den Worten:In Ihnen will ich noch einmal mein liebes Österreich um-armen, von dem ich mich mit blutendem Herzen trenne." Sie war eineSchwester der Palastdame Luise Oriola, die ganz anders dachte. Eine treuePreußin, hielt sie zeit ihres Lebens am Hofe Bismarck die Stange, was ihrdie stille Ungnade der Königin Augusta zuzog, was aber nicht nur Bismarck selbst, sondern auch unser alter König Wilhelm L ihr hoch anrechneten.Bismarck hatte übrigens nach seinem Lieblingsspruch,qu'en politique ilfaut faire fleche de tout bois", die outriert austrophile Gesinnung desBarons Werther in sein Spiel eingestellt. Als ihm bei Ausbruch des Krieges