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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN GEGNER BISMARCKS

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Redern diente als Paravent. Er hat später als Obergewandkämmerer amköniglichen Hofe noch ersprießliche Dienste geleistet.

In London war Preußen im Jahre 1866 durch den Botschafter GrafAlbrecht Bernstorff vertreten. Sowohl Paris wie London waren damals Graf Albrecht bereits Botschaften. Graf Bernstorff war sechs Jahre älter als Bismarck. Bernstorff Er war schon 1845 Gesandter in München , 1848 unter schmerigen Verhält-nissen in Wien, von 1850 bis 1861 in London gewesen. Von 1861 bis 1862war er, unmittelbar vor Bismarck , Minister des Auswärtigen, um dannwieder die Londoner Mission zu übernehmen. Er mag nicht immer mitseinem Nachfolger einverstanden gewesen sein, er mag hier und da als derÄltere und, wie er glaubte, Erfahrenere über ihn den Kopf geschüttelthaben. Aber er tat seine Pflicht als preußischer Vertreter und hatte inLondon eine sehr gute Stellung. Den 1866 wichtigsten Posten, den Pariser Posten, bekleidete Botschafter Graf Robert Goltz. Bismarck hatte mit Grafihm in den fünfziger Jahren freundliche Beziehungen unterhalten, sich aber Robert Goltzdann mit ihm, wie mit manchen anderen, überworfen. Er sah seitdem inGoltz einen persönlichen Gegner, und das traf wohl auch zu. Bismarck er-zählte gern, daß Goltz im Jahre 1866 sein Urteil über seinen Chef in dieWorte zusammengefaßt habe:Nun macht dieser Kerl, dieser Bismarck ,meine Politik, aber er macht sie falsch!" Das alles hinderte Goltz nicht, einsehr geschickter Diplomat, im Gegensatz zu Werther und Redern, einklarer und scharfer Preuße zu sein. Bismarck selbst hat einmal die Diplo-matie definiert alsArbeit in Menschenfleisch". Die Aufgabe des Diplo-maten bestünde oft darin, den anderen dahin zu bringen, das zu tun, wasfür diesen vielleicht von zweifelhaftem Nutzen, für den Diplomaten abervon Vorteil sei. Alle diejenigen, die im Schicksalsjahr 1866 unter Goltz ander Preußischen Botschaft in Paris arbeiteten, Eberhard Solms und JosephRadowitz , Alexander Lynar und der damalige Major, spätere Generalfeld-marschall Walter Loe , haben mir gesagt, daß es in erster Linie das Verdienstdes Grafen Goltz war, wenn Frankreich im Jahre 1866 so lange neutralblieb, wie wir seine Neutralität brauchten. Goltz habe seinen großen Einflußsowohl auf Kaiser Napoleon III. wie auf die Kaiserin Eugenie und denPrinzen Jerome Napoleon , seine zahlreichen Beziehungen in allen Kreisender Gesellschaft wie in der Presse tatkräftig und gewandt benützt, umFrankreich von einer Intervention vor Sadowa abzuhalten. Er hat sich umPreußen wohl verdient gemacht. Von einer unheilbaren Krankheit befallen,mußte Goltz, nicht lange nach dem Nikolsburger Frieden, seinen Abschiednehmen und ist nach qualvollen Leiden vor 1870 gestorben.

Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß Fürst Bismarck seine Politik von1862 bis 1871 nach einem von vornherein in allen Einzelheiten entworfenenund dann konsequent verfolgten Programm geführt hätte. Er hat sich nach

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