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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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BEINAHE RELEGIERT

ganz gut zwei Aufsätze machen, einen für dich und einen für mich. Rettemich!" Ich war gerührt. Ich sagte ihm, er möge sich neben mich setzen.

Das uns für den Aufsatz gegebene Thema war nicht ganz leicht zu be-antworten. Puppel erbleichte und sah mich hilflos an, als es uns verkündetwurde. Wir sollten gründlich und erschöpfend, dabei doch knapp undpräzis, die Ähnlichkeit und die Unterschiede zwischen der Ibas und demNibelungenhede klarlegen. So rasch wie mögbch, mit der affenartigen Ge-schwindigkeit, die 1866 die Wiener Presse den Preußen vorgeworfen hatte,entwarf ich einen Aufsatz für meinen Kameraden Puppel. Dann wandte ichmich mit ruhigem Gewissen der eigenen Arbeit zu. Dem auf dem Kathedersitzenden Lehrer, der uns während der Klausurarbeit zu überwachen hatte,war der Gedankenaustausch zwischen mir und Puppel leider nicht ent-gangen. Er stieß auf Puppel herab wie der Falke auf die Taube. Er riß ihmmein Konzept aus der Hand, hielt es triumphierend in die Höhe und schrie:Das wird sofort höherenorts gemeldet!" Dann verschwand er. DerSchrecken der Klasse war groß, noch größer ihre Spannung, wie es endenwürde. Nach einer guten Stunde traten die Lehrer in das Zimmer: an derSpitze der Schulrat, dann Direktor Kramer, der Inspector adjunctus Daniel,vier andere Professoren, alle secundum ordinem. Der Schulrat begann mitstrenger Stimme: Ein unerhörter Vorfall habe sich ereignet. Zwei Schülerhätten versucht, ihre Lehrer zu täuschen. Gott sei Dank sei der Frevelrechtzeitig aufgedeckt worden. Der Schüler Puppel werde von der Prüfungausgeschlossen und gleichzeitig relegiert. Den Schüler Bülow hätte eigent-hch die gleiche Strafe treffen müssen. Nur im Hinblick darauf, daß er nachder Versicherung des Direktors und des Inspektors ein gutartiger Jünglingsei, der aus Mitleid seinem Nachbarn habe helfen wollen, und auch mitRücksicht auf seine nach der Versicherung seiner Lehrer nicht gewöhnlicheBegabung solle es bei ihm sein Bewenden mit einer zwölfstündigen Karzer-strafe und einem Vermerk im Maturitätszeugnis haben. Nachdem auch derDirektor Kramer seinem tiefen Bedauern über den Vorfall bewegten Aus-druck gegeben hatte, entfernten sich die Herren Lehrer wieder in derselbenReihenfolge, in der sie gekommen waren. Mein b'eber Daniel sagte mir imVorbeigehen, indem er mir die Hand auf die Schulter legte:Halten Sieden Kopf oben! Sie sind eine elastische Natur und werden im Leben nochüber ganz andere Schwierigkeiten wegkommen. Schreiben Sie jetzt einenrecht guten deutschen Aufsatz. Aber künftig beherzigen Sie besser denSpruch, den ich Ihnen zu Ihrer Konfirmation in die ,Lyra Messianica' ge-schrieben habe: ,So sehet nun zu, wie ihr vorsichtiglich wandelt, nicht alsdie Unweisen, sondern als die Weisen.'" (Epheser 5,15.) Als auch Daniel,den anderen folgend, das Prüfungszimmer verlassen hatte, kam Puppel aufmich zu.Das ist eine Gemeinheit", sprach er zu mir,daß ich relegiert