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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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VERWARNUNG

Ich gebe als Epilog den Brief wieder, den ich von meinem Vater erhielt,Brief nachdem meine Entgleisung im Abiturientenexamen zu seiner Kenntnis ge-Vaters langt war. Aus seinem Schreiben spricht nicht nur seine Herzensgüte,sondern auch seine Weisheit, die, gegründet auf Erfahrung, Menschen-kenntnis und Charakter, ihn einem Bismarck nach dessen eigenem Aus-spruch zum wertvollsten seiner Mitarbeiter machte:Dienstag, 30. Juli 67.Lieber Bernhard, wir hatten schon recht lange nach einem Briefe von Euchausgesehen, wußten freilich, daß Ihr des Examens wegen nicht zum Ein-halten des regelmäßigen Tages kämet, waren aber doch recht gespannt aufNachrichten. Wir warteten von einem Tage zum andern mit Schreiben.Gestern empfingen wir denn zugleich Professor Daniels und Deinen Brief,ersterer war über Neu-Strelitz gegangen, und sahen daraus, wie es Dir indieser schweren Woche ergangen ist. Professor Daniel, dem ich heutedankend erwidere, schreibt mir sehr hübsch über Deine große Unbesonnen-heit. Es ist mir denn freilich eine große Beruhigung, lieber Sohn, daß derenstrengste Folgen von Dir haben abgewendet werden können, und ich willDir um so weniger nachträgliche Vorwürfe machen, als Du Dir schon selbstgesagt haben wirst, was zu sagen ist, und ausschließlich die Rücksicht derLehrer auf Dein bisheriges gutes, und ich sage es gern, Dein musterhaftes Be-tragen Dich vor einer Strafe bewahrt hat, welche Dir schon durch Verlustdes halben Jahres auf lange hin fühlbar sein würde, Du also selbst gutgemacht hast, was nicht gut war. Die Karzerstrafe, während ich so gernauch in diesem Quartal Nummer 1 für Betragen gehabt hätte, ist freilichunwillkommen, aber darüber wollen wir denn nicht murren. Nur eines, meinlieber guter Bernhard möchte ich Dir bei dieser Gelegenheit in recht ernsteErwägung rufen. Was Du getan, ist, abgesehen davon, daß es ziemlich über-flüssig ist, einem Schwachmatikus dieser Art überhaupt zu helfen, in denAugen von Schülern nicht weiter unrecht und moralisch zumeist einZeichen Deiner Gutmütigkeit. Es ist aber doch ein Unrecht und unmoralisch,denn die Prüfung ist ein Stempel, den der Staat erteüt als Bürgschaft undBeweis guter Schulbildung und mit dem Auszeichnungen und Vorteile ver-bunden sind. Wer nun einem Unwürdigen durchhilft, täuscht oder hilfttäuschen und nimmt also an einer Unwahrheit teil, die keine guten Folgenhaben kann. Urteile und handle also in allen Dingen des Lebens nicht nachdem Schein und gutmütig-unbesonnenem Gehenlassen, sondern nach derTat und nach der wahren Wahrhaftigkeit. Du wirst Dich besser dabeistehen und Dein gutes Gewissen bewahren. Und weißt Du denn, ob Puppel,wenn Du ihm das unglückliche Blatt nicht zugesteckt hättest, nicht viel-leicht proprio Marte das Examen bestanden hätte, während er nun ab-gewiesen ist? Doch genug hiervon, lieber Bernhard. Ich wollte nichtmehreres sagen, als was Dich in Zukunft vor ähnlichen Unbesonnenheiten