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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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AN DER SAALE HELLEM STRANDE

Ich hatte hei der Trennung vom Pädchen die Empfindung, die mich er-füllte, wenn ich, aus der Elbe kommend, hinter Cuxhaven bei der rotenTonne das offene Meer vor mir erblickte. Zu neuen Ufern lockt ein neuerTag. Aber ich war doch bewegt, als die Abiturienten sangen:So leb dennwohl, du stilles Haus, wir ziehn betrübt von dir hinaus." Halle war keineschöne Stadt. Die Magdeburger und Leipziger, vor allem die feinenDresdner, witzelten, daß man Halle eher röche als sähe. Das zielte auf diemit Salinendampf und Braunkohlendunst erfüllte Atmosphäre der Stadt,deren abschüssige Straßen mit ihrem schlechten Pflaster und sprichwörtlichgewordenen Schmutz damals sehr verrufen waren. Aber nicht umsonst hattemir Daniel mit Thucydides gepredigt, daß der Mensch das Land habe undnicht das Land den Menschen. An die Menschen in Halle, vor allem anmeinen heben Professor Daniel, hatte ich mich mit ganzem Herzen an-geschlossen. Auch die Umgebung der Stadt bot manchen Reiz. Und inweiter Ferne winkten die Burgen, die stolz und kühn an der Saale hellemStrande stehn und wohin ich oft gewandert war: die zwei Türme von Saal-eck und hoch auf steiler Wand die Rudelsburg, das freundliche Kösen ,Merseburg mit seinen stolzen Erinnerungen an Kaiser Otto den Großen,Naumburg, vor das die Hussiten zogen, die ganze Gegend war mir ans Herzgewachsen.

Ich bin viel auf der Saale gefahren. Unsere Eltern hatten uns Emp-Cröllwitz und fehlungen an eine Reihe angesehener Familien in Halle verschafft, bei denenGiebichcnstein y^j. freundliche Aufnahme fanden. Eine distinguierte Dame aus diesenKreisen schloß mich in ihr Herz. Im Gegensatz zu meinem Bruder Adolf,der eine spröde Natur war, ließ ich mir ihre Freundlichkeit Wohlgefallen.An mehr als einem schönen Sommertag durfte ich sie nach Cröllwitz oderGiebichenstein , zur Raben- oder zur Nachtigallen-Insel führen. Sie war eineüppige Blondine, zwischen dreißig und vierzig Jahren. Sie zu rudern, warnicht ganz leicht. Auch hier galt das Wort des Hesiod, daß steil der Wegsei, der zum Gipfel hinaufführe. Sie hatte ein gutes, ja ein zärtliches Herzund kargte nicht mit dem Lohn der Minne, wenn wir nach der Wasserfahrtim freundlichen Schatten der die Saale umsäumenden Gebüsche oder imkühlen Zimmer eines ländlichen Wirtshauses der Ruhe pflegten. Als ichmich nach glücklich bestandenem Abiturienten-Examen bei ihr und ihremGatten verabschiedete, überreichte er mir ein Buch: Quinti Horath FlacciOpera ad exemplar Londinense a Johanne Pine, Berolini , 1745, SumtibusAmbrosii Haude, Bibhop. Reg. et Acad. Scient. privil. Dabei sagte er zumir:Mein junger Freund, meine liebe Frau hat mir Gutes über Sie gesagt.Sie scheinen ein wißbegieriger, ein fleißiger, ein tüchtiger Jüngling zu sein.Aber vergessen Sie über so lobenswerte Eigenschaften nicht, daß in desLebens Lenz auch die Lebensfreude zu ihrem Recht kommen muß." Er