„SYSTEM DER VOLKSWIRTSCHAFT"
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Bleistift in der Hand, mehr als einmal gelesen. Insbesondere der erste Bandist mir in succum et sanguinem übergegangen, ich habe ihn mit eigenen An.merkungen versehen und ganze Stücke exzerpiert. Auch die , National-ökonomie des Handels- und Gewerbefleißes" habe ich mit Interesse undVorteil gelesen. Sie ist mehr als nur ein „Hand- und Lesebuch für Geschäfts-männer und Studierende", wie mit heute selten gewordener Bescheidenheitder Autor auf dem Titelblatt ankündigt. Jeder, der im öffentlichen Lebensteht, kann viel aus ihr lernen. Ich fand bei Roscher schon als junger Menschdas Rüstzeug, mit dem ich viel später, ohne ungerecht zu sein gegen diesozialdemokratischen Bestrebungen, das in ihnen bekämpfte, was mit demWohl des Ganzen, mit den richtig verstandenen Staatsinteressen, mit demBestehen eines starken und glücklichen Reichs unvereinbar war. Ich lerntevon Roscher, daß es ebensowenig ein für alle Zeiten und alle Völker gültigesWirtschaftsideal wie ein für alle und jeden passendes Kleidermaß gibt. Erlehrte mich, daß wie im Weltgebäude die scheinbar entgegengesetzten Be-strebungen der Zentrifugalkraft und der Zentripetalkraft die Harmonie derSphären bewirken, so im wirtschaftlichen Leben des Menschen Eigennutzund Gewissen den Gemeinsinn bilden. Er schärfte früh meinen Blick dafür,daß der Sozialismus und der Kommunismus keine unerhörten, nur derneuesten Zeit eigentümlichen Erscheinungen sind, wie die blinden Gegnerund die blinden Anhänger glauben, sondern eine Krankheit, die sich fastregelmäßig bei hochkultivierten Völkern in einer gewissen Lebensperiodeeinstellt. Er wies aus der Geschichte nach, daß sich in sozialistischen Ge-dankengängen seit jeher die edelsten Geister und die niedrigsten Seelenbegegnet seien. Ich fand es also nicht allzu verwunderlich, daß in dem wirt-schaftlich rasch, vielleicht allzu rasch emporgekommenen, in dem über allesErwarten wohlhabend, reich, hier und da allzu üppig gewordenen Deutsch-land viele tüchtige und ehrenwerte Arbeiter der roten Fahne folgten unddaß ihnen diese Fahne von (wenigstens zum Teil) überzeugten, von eineredlen Idee erfüllten Führern vorangetragen wurde.
Schon in jungen Jahren stand ich auf dem Standpunkt, den ich alsReichskanzler und Ministerpräsident in der ersten Rede, die ich am Im9. Januar 1901 im Preußischen Abgeordnetenhause gehalten habe, in die Iw'Worte zusammenfaßte: „Nach meiner politischen Gesamtauffassung be- zentrachte ich es als die vornehmste Aufgabe der Regierung, in dem Kampfeder wirtschaftlichen Interessen die vorhandenen Gegensätze nach Möglich-keit zu vereinen, zwischen den verschiedenen Interessen einen möglichstgerechten Ausgleich herbeizuführen und diejenigen zu stützen, die sich auseigner Kraft nicht helfen können*." Auch für die öffentlichen Angelegen-
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, 176; Kleine Ausgabe I, 234.