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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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DIE FREUNDIN LASSALLES

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zu verwenden und am Abend das bei Roscher Niedergeschriebene zuüberdenken.

Meinem alten Triebe folgend, las ich viel, nicht nur historische undnationalökonomische Werke, sondern auch Romane, namentlich franzö-sische Romane. Wer ins Leben eintritt, lernt, wie ich glaube, für Menschen-behandlung, für das praktische Leben mehr aus Romanen, wird durch sie welt-kundiger und weltläufiger als durch das Studium der gelehrtesten Kompen-dien. Vor allem Balzac und Stendhal, Flaubert und Guy de Maupassant ,Turgenjew und Leo Tolstoi, auch die Romane von Disraeli, Thackeray undBulwer sind in dieser Richtung zu empfehlen. Die Romane von GustavFreytag und Berthold Auerbach, Gutzkow und Spielhagen, von der Marlittund der Wilhelmine Hillern gewähren hebenswürdige Einblicke in die Psychedes deutschen Philisters. Aber sie sind nicht gemacht, als Kompaß bei der bis-weilen stürmischen Fahrt auf dem Strom der großen Welt zu dienen. Theo-dor Fontane und Marie von Ebner-Eschenbach eignen sich hierzu mehr.Der Mangel an Psychologie, der vielen Deutschen eigen ist und in der deut-schen Politik oft zutage trat, ist auch darauf zurückzuführen, daß derdeutsche Durchschnittsintellektuelle in der eigenen Sprache zu wenig psy-chologische Romane zur Verfügung hat und deshalb zu viel gelehrteSchmöker liest.

In dem Leipziger Restaurant, wo ich zu Mittag, wurde mir die GräfinSofie Hatzfeldt gezeigt. Man sah ihr nicht an, daß sie in ihrer Jugend Gräfinviele Anbeter gehabt hatte. Man sah ihr noch weniger an, daß von ihren Sofie Hatzfeld!Söhnen der ältere, Alfred, Fürst und erbliches Mitglied des PreußischenHerrenhauses , der jüngere, Paul, Botschafter und Ritter des Ordens vomSchwarzen Adler werden würde. Es fiel auch schwer, zu glauben, daß diestreng katholische, hochmoralische Gräfin Melanie Nesselrode-Ehreshofen,die Gemahlin des Grafen Maximilian von Nesselrode-Ehreshofen, des Ober-hofmeisters Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin Augusta, die Tochterder Gräfin Sofie Hatzfeldt war, die in exzentrischer Toilette, eine großeZigarre im Munde, mit rotgefärbten Haaren durch die Leipziger Straßenund Wirtshäuser zog am Arme eines weit jüngeren Sozialisten, der, wennich mich nicht irre, Mendel hieß und den genialeren Ferdinand Lassalle bei ihr als Liebhaber ersetzt hatte. Und doch war sie eine bedeutende Frau.Ihr Neffe, der Generalfeldmarschall Walter Loe , erzählte mir gelegenthch:Als Bismarck sich mit Lassalle in Verbindung gesetzt hatte, erhielt meineTante, die Gräfin Sofie Hatzfeldt, die damals mit Lassalle noch intim stand,aus der Umgebung von Karl Marx einen Brief, in dem der BefürchtungAusdruck gegeben wurde, daß Ferdinand sich von Bismarck ,verführen'lassen würde. Nachdem sie mit Lassalle gesprochen hatte, erwiderte dieGräfin Hatzfeldt den Londoner Exilierten, sie möchten sich beruhigen.