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MIT DER DIL1GENCE
Am Langen See angelangt, dem Lacus Verbanus der Römer, den wirLago Deutschen hartnäckig mit dem italienischen Namen Lago Maggiore be-Maggiore und zeichnen, suchte ich die Borromäischen Inseln auf, die Jean Paul in seinem
Comersee j ama j s nocn gelesenen Roman „Titan" den geschmückten Thron des Früh-lings genannt hat. Obgleich Italien nicht in meinem Programm stand, triebes mich, auch den Lacus Larius kennenzulernen, den Comersee, an dessenUfern ich im weiteren Verlauf meines Lebens noch oft weilen sollte, inBellagio und in Cadenabbia, in Tremezzo und in Torno. Gegenüber dieserzauberhaften Landschaft, wo ich zum erstenmal Wein und Feigen, Olivenund Kastanien in üppigster Fülle erblickte, verstand ich es, daß unsere Alt-vordern, wenn sie diesen Garten vor sich sahen, nicht wieder zurückwollten in das damals noch rauhere Heimatland. Politisch mußte ich nachwie vor diesen Zug nach dem Süden bedauern, der dem deutschen Geniuszwar starke geistige und ideelle Impulse brachte, an dem aber die Kaiser-herrlichkeit des Mittelalters verblutete.
Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir auch das nicht allzu
Mailand weit entfernte Mailand anzusehen und den von einem deutschen Bau-meister, Heinrich Arier aus Gmünd in Schwaben, begonnenen Dom. Als ichabends den Mariae nascenti geweihten Wunderbau aus weißem Marmor mitseinen zahllosen Spitzen, Statuen und Fialen erblickte, vom MondlichtÜbergossen, und die vergoldete Madonna auf dem Hauptturm, begriff ich,was italienische Kunst unter italienischem Himmel bedeuten kann. DenRückweg von den oberitalienischen Seen nahm ich über den Splügen. VonChiavenna bis zur Paßhöhe, die zwischen Italien und der Schweiz dieGrenze bildet, fuhr ich mit der Diligence. Ich saß auf dem Bock, neben demPostillon, der mir mit italienischer Lebhaftigkeit seine politischen An-sichten entwickelte. Das italienische Volk hat seit Jahrhunderten sowohlunter den Franzosen als auch unter den Deutschen gelitten und je nachdembald die einen, bald die anderen vorgezogen, sie auch gelegentlich gegen-einander ausgespielt. Die Uberhebung, mit der die Franzosen nach demFranzösisch-Österreichischen Krieg von 1859 den Italienern die ihnen ge-leisteten Dienste immer wieder vorhielten, mußte diese verstimmen. Eszeigten sich damals die ersten Anzeichen der großen Stimmungsänderung,die später Italien veranlaßte, sich im Interesse seiner Unabhängigkeit undseiner Sicherheit seine Politik nicht länger nach Paris, sondern nach Berlin zu orientieren. Mein Freund, der Postillon, klagte über die „prepotenza"und „cattiveria" der Franzosen.
Die Strecke von der Paßhöhe des Splügen bis Chur legte ich wieder aufSchusters Rappen zurück. In Chur endigte meine Reise. Im Sankt-Lucius-Dom erblickte ich den Grabstein des 1639 ermordeten Jürg Jenatsch. Denherrlichen Roman von Konrad Ferdinand Meyer, dessen Held der Grau-