DIE EMSER DEPESCHE
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Kandidatur
ein italienischer Diplomat, Graf P., der sich in einem vorgerückten Stadiumder Rückenmarkschwindsucht zu befinden schien, und seine hübsche undkokette Gattin, ebenso wie ein brillanter Franzose, Graf 0., der dasitalienische Ehepaar aus Paris nach Oeynhausen begleitet hatte und derreizenden Gräfin zu Füßen lag. Auch zwei Engländer glaubten nicht anKrieg, die nach einer Rheinreise das Bedürfnis empfanden, den TeutoburgerWald und die Porta Westphalica , die berühmte Berglücke am Nordendedes Wesergebirges , kennenzulernen, und die sich aus diesem Anlaß bis nachOeynhausen verirrt hatten, das sie ,,a charming place" fanden.
Die Nachricht, daß der älteste Sohn des biederen Fürsten Karl Antonvon Hohenzollern zum König von Spanien gewählt werden sollte, ließ uns Die spanischealle vollkommen gleichgültig. Prinz Karl von Hohenzollern saß seit vier Thron-Jahren auf dem rumänischen Thron, ohne daß deshalb die Welt unter-gegangen wäre. Er stand sogar gut mit Kaiser Napoleon III. , mit dem erziemlich nahe verwandt war. Warum sollte der ältere Bruder, Leopold,nicht, von den Spaniern gewählt, nach Madrid ziehen? Die aufgeregteSprache der französischen Presse wurde nicht ernst genommen, nicht einmalvom Grafen O. Die schroffe Erklärung des französischen Ministers desÄußern, des Herzogs von Grammont, vom 6. Juli mißfiel. Rosenberg undWillich , der Kürassier und der Ulan, fanden die Franzosen „reichlichunverschämt". Herr von der Schulenburg aber meinte mit der abgeklärtenRuhe eines alten Gesandten, die europäische Diplomatie würde mit be-währter Umsicht jeder ernstlichen Feuersgefahr vorbeugen. SchonMetternich habe gesagt, es sei die vornehmste Aufgabe des Diplomaten,mit dem Löscheimer herbeizueilen, wo ein Brand drohe. Der Bundeskanzlerhabe während der Luxemburger Differenz, die ernster gewesen sei alsder künstliche Lärm wegen der spanischen Thronkandidatur, deutlichgezeigt, daß er keinen Krieg wolle. Es werde ihm auch jetzt gelingen, denFrieden zu erhalten. Daß Graf Bismarck ruhig in Varzin bleibe, sei eingutes Zeichen. So verstrich die Woche zwischen dem 4. und dem 12. Juliunter allerlei Kannegießerei über den fast kindischen, jedenfalls bedeutungs-losen Lärm der Pariser Journahsten. Was ich später hörte, läßt michglauben, daß es in ganz Deutschland nicht viel anders aussah als in demidyllischen Bade an der Werra .
Am 12. Juli war ich mit dem Major von Rosenberg zur Bahnstationgegangen, um zu hören, was es Neues gebe. Der Berliner Schnellzug wargerade eingelaufen und hatte fünf Minuten Aufenthalt. Aus dem Wagen-fenster reichte uns ein Reisender auf den Bahnsteig, auf dem wir standen,ein Extrablatt. Es brachte das Telegramm, das der Bundeskanzler GrafBismarck zur Information und Orientierung an die Missionen des Nord-deutschen Bundes gerichtet hatte.
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