NAPOLEONS KRIEGSERKLÄRUNG
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er, daß ich mich brav schlagen würde. Er sei aber ebenso fest davon über-zeugt, daß ich bald gefangengenommen werden würde, wahrscheinlichverwundet, nach tapferer Gegenwehr. Für diesen Fall gebe er mir seineVisitenkarte, auf der er mich seinen Freunden empfehle, deren er viele inder französischen Armee zähle. Sie würden mich gut behandeln. „Iis serontcharmants pour vous!" Obwohl Legitimist, hatte er eine hohe Meinungvon Napoleon III . Der sei der stärkste politische Kopf, „la plus forte tetepolitique", den die Welt seit Talleyrand gesehen habe. „Ah, c'est un rudelapin! II roulerait le diable lui-meme." Dabei sei Napoleon III. von einerjeder Eventualität gewachsenen, unheimlichen Energie, wie er dies am2. Dezember 1851 bewiesen habe. „II a du poil au c . . , je vous l'affirme!"Er erzählte mir mit gutem Humor, daß er die K a i s e r i n E u g e n i e vor ihrerVermählung wohl gekannt habe. Er habe sie zu Rennen begleitet, auch mitihr und ihrer spanischen Mutter mehr als einmal im Cafe Anglais soupiert.„Quand nous montions le petit escalier tournant, et qu'elle marchaitdevant moi, je lui pincais les mollets qu'elle a, du reste, fort beaux." Aufjeder größeren Station frug Graf 0. den Bahnvorstand, ob es wirklichKrieg gebe. Er erhielt von den stramm dastehenden Beamten nie eineAntwort, was ihm gefiel. „Iis ont de la tenue et de la discipline, il faut ledire. Mais <;a ne leur servira ä rien. Pauvres gens I"
Endlich lief der Zug in die Kölner Bahnhofshalle ein, und wir begabenuns, mein Pariser Freund und ich, in den Wartesaal, der gedrängt voll von ImMenschen war. Zeitungsverkäufer boten Extrablätter aus, jeder wollte denInhalt wissen. Man rief: „Vorlesen, vorlesen!" Ein ungewöhnlich großerMann, anscheinend ein Offizier in Zivil, stieg auf einen Tisch, entfaltete einZeitungsblatt und las mit lauter Stimme: „Der französische Geschäftsträgerin Berlin hat dem Bundeskanzler die französische Kriegserklärungüberreicht." Lautlose Stille. Dann hob der Vorleser beide Arme in dieHöhe und rief mit donnernder Stimme: „Seine Majestät der König, unserHeber alter König Wilhelm hoch! Und immerdar hoch im Leben wie imSterben!" Alles stimmte in den Ruf ein. Die Frauen weinten. Viele Männerhatten Tränen des Enthusiasmus in den Augen. In einer Ecke des Saalesstand eine Anzahl Musikanten, offenbar eine Kapelle, die von einer Kirch-weih in der *Umgebung Kölns kam, wo sie zu fröhbchem Tanz aufgespielthatte. Mit der gleichen Stentorstimme rief der große Herr auf dem Tischden Musikanten zu: „Kapellmeister, die Nationalhymne!" Und dieNationalhymne wurde von allen Anwesenden gesungen, wie ich sie nochnie hatte singen hören. Als das „Heil dir im Siegerkranz " verklungen war,sah ich mich nach meinem französischen Freunde um. Er war verschwunden.Ich bin ihm später in Paris wieder begegnet. Er schien aber keinen Wertdarauf zu legen, auf unsere gemeinsame Reise von Oeynhausen nach Köln