WUNDERLICH
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nach Paris zugeteilt worden, wurde 1854 auf ein Jahr zur Preußischen Gesandtschaft nach Frankfurt a. M. kommandiert und hatte den PrinzenFriedrich Wilhelm von Preußen, den nachmaligen Kaiser Friedrich , aufseiner Brautfahrt nach England hegleitet. Er hatte mit der spanischenArmee in Marokko gefochten, kurz, sich in der Welt umgesehen. Seit einemJahr, mit dem Charakter als Major, Eskadronschef im Königshusaren-Regiment, hatte er das große Pech gehabt, einige Wochen vor dem Ausbruchdes Krieges gegen Frankreich sich bei einem Sturz mit dem Pferd einenschweren Schenkelbruch zuzuziehen, weshalb ihm die Führung der Ersatz-Eskadron übertragen worden war.
Der rote Schreckenstein stand in dem Ruf, er habe viel Glück beiFrauen gehabt. Jedenfalls sah er mit kaum achtunddreißig Jahren aus wieein alter Roue. Doch sprach aus seinen Augen Geist und Energie. Erempfing mich auf dem Sofa hegend, offenbar und erklärlicherweise in aller-schlechtester Laune. Uber seinem Sofa hing eine große Kopie der „Danae"von Correggio , die erwartungsvoll dem Goldregen des Jupiter entgegen-sieht. Der strenge Kunsthistoriker Wilhelm Lübke findet in seinem„Grundriß der Kunstgeschichte", daß das Original, das in Rom in derGalleria Borghese hängt, nicht weit von der Villa Malta , in Ausdruck undStellung einen Zug von Gemeinheit zeige. Der Kopie in Bonn war dieserZug jedenfalls eigen. Der Major forderte mich nicht zum Sitzen auf,sondern begnügte sich damit, mir, der ich vor ihm stand, in wenig freund-lichem Tone zu sagen, es meldeten sich jetzt so viele Freiwillige, daß erweder Zeit noch Lust habe, die einzelnen Fälle zu prüfen, ich möge nur baldwieder nach Hause fahren. Mit mehr Lebhaftigkeit, als meinem Alter undmeiner bescheidenen Stellung im Leben zukam, erwiderte ich, ich sei nichtnach Bonn gefahren, noch dazu gegen den Willen meines Vaters, um michderartig abfertigen zu lassen. Einen Augenblick fuhr Schreckenstein auf,dann aber sah er mich freundlich an, reichte mir die wohlgepflegte Hand,an deren Fingern einige schöne Ringe blinkten, und meinte lächelnd: „Siegefallen mir, nichts für ungut! Können Sie reiten?" Ich entgegnete, jetztnatürlich in korrekter Haltung und in bescheidenem Ton, ich glaubte dieseFrage bejahen zu dürfen. „Na", meinte der Herr Major, „dann werde ichunsern alten Wachtmeister anweisen, Ihnen auf den Zahn zu fühlen.Melden Sie sich in zwei Stunden bei dem Wachtmeister Wunderlich in derSterntorkaserne." Zwei Stunden später stand ich auf dem Kasernenhof, In der Stern-nachdem ich mir rasch beim nächsten Schneider Stege an meinen Hosen torkasernehatte anbringen lassen. Ich ritt dem Wachtmeister den Schwadronsgaul,der schon bereit stand, im Schritt, im Trab und im Galopp vor, changierteim Galopp, kurz, zeigte meine Reitkünste. Ich erbot mich auch, jedeBarriere zu springen. Wunderlich schien zufrieden. Er fragte mich, wo