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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN VERHÄNGNISVOLLESNIEMALS"

dasrevolutionäre" Italien , ja die in sechs Jahrhunderten oft bewährteTreue für den Heiligen Stuhl in den Hintergrund gedrängt. Die Tochter desErzherzogs Albrecht , die junge Erzherzogin Mathilde, sollte den Kron-prinzen Humbert von Italien heiraten, und sie würde ihn geheiratet haben,wenn das arme Mädchen nicht auf den unglücklichen Einfall geraten wäre,im Ballkleid eine Zigarette zu rauchen, mit dieser ihre duftige Abendtoilettein Brand gesetzt hätte und unter entsetzlichen Schmerzen gestorben wäre.Es lag auf der Hand, daß die italienische Kooperation nur zu erreichen war,wenn Italien der Besitz von Rom zugesichert wurde. Hierzu konnte sichNapoleon III. nicht entschließen, vor allem nicht aus Rücksicht auf seinebigotte Gattin, die ausrief:Plutöt les Prussiens ä Paris que les Italiens a Rorae!" Dazu kamen Gründe innerer französischer Politik, die Scheu vorden Klerikalen im eigenen Lande, vor dem Bischof von Orleans , dem streit-baren Monseigneur Dupanloup , und vor dem Redakteur des ultramontanenUnivers", dem noch streitbareren Louis Veuillot . Schon im Herbst 1867wurde die Römische Frage wieder akut. An der Spitze eines kleinen Heeresvon Freiwilligen rückte Garibaldi in den Kirchenstaat ein. Die Bevölkerungerklärte sich überall für den Anschluß an Italien , riß die päpstlichen Em-bleme herunter und pflanzte statt ihrer die grün-weiß-rote italienische Tri-kolore auf. Am 3. November kam es bei Montana zum Gefecht zwischen denRothemden und den französischen Truppen, die Kaiser Napoleon demPapst zu Hilfe gesandt hatte. Die Freiwilligen Garibaldis wurden von denFranzosen , die mit dem neuen französischen Gewehr, dem viel gerühmtenChassepot, ausgerüstet waren, leicht besiegt, zusammengehauen oder alsGefangene nach Rom abgeführt.

Am 5. Dezember fand in Paris im Gesetzgebenden Körper die entschei-Rouhcr dende Debatte über die Römische Frage statt. Der Staatsminister Rouher ,icr Rom der mächtigste Minister des Second Empire, der Vice-Empereur, wie erironisch genannt wurde, antwortete auf die Frage, ob Frankreich denItalienern erlauben werde, sich der Ewigen Stadt zu bemächtigen, miteinem dreifachenNein, nein, niemals!" Im offiziellen Sitzungsberichtwurde diese kategorische Erklärung wie folgt wiedergegeben:Wir erklärenim Namen der französischen Regierung: Italien wird sich Roms nicht be-mächtigen! (Stürmischer Beifall.) Nein! Niemals! (Sehr viele Stimmen:,Niemals, niemals!') Niemals wird Frankreich diese Gewalttat gegen seineEhre und gegen den Katholizismus ertragen!" (Nochmaliger, nicht enden-wollender Beifall der Kammer.) Bei der nun folgenden Abstimmung hattennur siebzehn Abgeordnete gegen die Regierung und deren Standpunkt inder Römischen Frage gestimmt, zweihundertsiebenunddreißig für sie, unterdiesen auch Thiers, im übrigen kein Freund des Kabinetts Rouher wie desZweiten Kaiserreichs, aber ein unentwegter Gegner des italienischen