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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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DIE ENTHÜLLUNG DERTIMES"

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Hertling lachte und schüttelte den Kopf.Das gäbe ja Mord und Tot-schlag", meinte er. Alle Liberalen würden die katholische UniversitätIngolstadt als den Anfang einer bayrischen Sonnenfinsternis, als denTriumph des Obskurantismus hinstellen.Und eine freie Universität inMünchen ? Ich möchte die Interpellationen hören, welche die HerrenOrterer, Schädler, Speck und Heim, und wie meine bayrischen Zentrums-freunde sonst noch heißen, in der Prannerstraße in München an eineRegierung richten würden, die sich so etwas herausnähme! Ausgeschlossen,ganz ausgeschlossen!" Prinz Franz Arenberg zuckte die Achseln:Ihr wißteben alle nicht, was wirkliche Freiheit, was Toleranz ist. Vieles ist inBelgien lange nicht so gut wie bei uns in Deutschland . Aber man läßt inBelgien jeden nach seiner Fasson selig werden, besser als in dem Lande,dessen König dieses Wort geprägt hat. Und darum ist das kleine Belgien auch heute noch, was schon Talleyrand von ihm gerühmt hat: l'enfantcheri de l'Europe!"

Das war und blieb Belgien . Die Großmächte hatten ihm ewige Neu-tralität zugesichert. Am 20. Januar 1831 hatte die Londoner Konferenz Napoleon 111.der Großmächte bestimmt, daß Belgien ein für sich bestehender, unabhängiger un< * dieStaat sein solle. Am 21. Mai 1833 war zwischen England, Frankreich und ^^"^y.Holland ein Vertrag zustande gekommen, dem sich die anderen Staatenanschlössen und durch den Belgien auf alle Zeiten für neutral erklärt wurde.Seitdem hatte Belgien in allen Streitigkeiten anderer Länder, in allenpolitischen Stürmen, von denen Europa heimgesucht worden war, ge-wissenhafte, strengste Neutralität beobachtet. Die Unabhängigkeit undNeutralität von Belgien war eine der wenigen fundamentalen Prinzipien,über welche die ganze Welt einig war. Alle Völkerrechtslehrer hatten sieproklamiert und kommentiert. Alle Diplomaten wußten seit ihrem Examendarüber Bescheid. Die Unverletzbarkeit der belgischen Neutralität war zurCommunis opinio aller politisch Gebildeten geworden. Es erregte deshalbungeheures Aufsehen und wirkte gleich einem plötzlichen Blitzstrahl, als dieTimes" am 25. Juli 1870, wenige Tage nach der französischen Kriegs-erklärung an Preußen , den Inhalt eines Offensiv- und Defensiv-Bündnissesveröffentlichte, das Frankreich während der Luxemburger AngelegenheitPreußen angetragen hatte und seitdem abermals heimlich antragen ließ.Frankreich erklärte sich in diesem Traktat mit dem Beitritt der süd-deutschen Staaten zum Norddeutschen Bund einverstanden, wogegenPreußen ihm die Erwerbung Luxemburgs gestatten und eventuell ihm zurEroberung Belgiens gegen jedwede Macht beistehen müsse. Wie dieTimes"hinzufügte, hatte Preußen beide Male ein solches Anerbieten einfach ab-gelehnt. Gleichzeitig publizierte dieTimes" einen Vertragsentwurf, dender französische Botschafter in Berlin, Graf Benedetti , im Auftrag des