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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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PATROUILLENRITTE

immer gut durchgekommen. In der Kreuzzeitung habt Ihr wohl gesehen,daß ich Fähnrich geworden hin. Kleidungsstücke brauche ich vorläufigkeine. Bitte nur, wenn möglich, um zwei Taschentücher, Zahnbürsten,Federhalter mit Bleistift und Independances, vielleicht auch eine Kartevon Nordfrankreich und ein kleines (tragbares, möglichst scharfes) Fernrohr(gut bei Patrouillen!). Tausend Grüße von Eurem treuen Sohn."

Zwischen dem Gefecht von Bapaume und der Schlacht von Saint-Ja- Quentin, d. h. zwischen dem 3. und dem 19. Januar 1871, hegt die Zeit,1871 wo ich die meisten und interessantesten Patrouillen geritten habe. Als obes gestern gewesen wäre, erinnere ich mich an die dunklen Wälder rechtsund links von der weißen Chaussee, an die Meilensteine, an die schweigendenChäteaux, die in der Ferne auftauchten, an die ganze Landschaft, wo allesvon alter Kultur sprach. Das Wetter war sehr ungünstig, bald strengeKälte bis auf 10 Grad unter Null, dann wieder Tauwetter mit warmemRegen. Die Straßen waren meist mit Glatteis überzogen, die Felder völligunpassierbar. Bei solchem Glatteis durch die Dörfer zu kommen, ohne zustürzen, war nicht leicht. Und wer mit seinem Pferde zu Fall kam, hatteeine gute Chance, von den in den Dörfern versteckten Franktireurs, unterUmständen auch von den Bauern selbst, totgeschlagen zu werden. DasUmreiten der Dörfer war, da die Felder einem Morast glichen, so gut wieunmöglich. Aber die Not macht erfinderisch. Wenn wir uns einem Dorfenäherten, holten wir aus dem ersten größeren Haus den Besitzer herausund forderten ihn sehr höf lieh, aber mit vorgehaltenem Revolver, auf, unssofort und in aller Stille zu Monsieur le Maire zu führen. Dem Maireerklärten wir, daß er uns bei dem Passieren des Dorfes begleiten müsse.Damit er nicht auf der glatten Dorfstraße zu Fall käme, würden wir ihn aneinen tüchtigen Strick anbinden. Wenn aus dem Dorf auf uns geschossenwürde, so wären wir zu unserem Leidwesen gezwungen, auf ihn zu schießen,andernfalls würde ihm kein Haar gekrümmt werden. So kamen wir meistgut durch die Dörfer durch.

Es fehlte bei diesen Patrouillenritten auch nicht an komischen Episoden.Als ich einmal bei schwachem Mondschein durch einen Wald ritt, glaubteich auf kurze Distanz zwei französische Infanteristen vor mir zu sehen. Ichhob den Säbel und kommandierte:Zur Attacke!" Dann galoppierte ichmit meinen beiden Husaren auf die Feinde zu. Vor den Feinden angelangt,entpuppten sich diese als zwei verkrüppelte Eichen. Zu Hause angekommen,hütete ich mich wohl, meinen Kameraden mein Mißgeschick zu verraten.Nach einigen Tagen erzählte der redliche Scharffenberg, daß er statt einesFranzosen einen Baum attackiert habe, und dann stellte sich heraus, daßwir alle, einer nach dem andern, an der gleichen Stelle jene Bäume fürFranzmänner gehalten hatten.