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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DAS ERWACHEN IM COUPfi

sehr heiß. Unsere Direktion ist Mezieres, Sedan, Thionville, Trier . Höchst-wahrscheinlich sollen wir bis Bonn marschieren. Recht schade ist, daß wirauf diese Weise von dem Einzug in Berlin nichts zu sehen kriegen. Aberwas hilft das Klagen!

Ich hatte mich wohl gehütet, meinen Eltern von dem Abschied zuVerfahren schreiben, den ich von Mrs. Z. nahm und der, wenigstens von ihrer Seite,tränenreich war. Ich schrieb auch nicht, daß es mir bei meiner Eisenhahn-fahrt von Amiens nach Saint-Quentin beinahe übel ergangen wäre. Viel-leicht durch den in der Nacht vorher erfolgten Abschied von der hebens-würdigen Mrs. Z. angegriffen, verfiel ich in der Eisenbahn in einen so tiefenSchlaf, daß ich in Saint-Quentin versäumte auszusteigen. Inzwischen warenin Saint-Quentin drei oder vier französische Reisende in mein Coupe ein-gestiegen, die mich nicht gerade freundlich ansahen, als ich endlich er-wachte. Sie machten mich darauf aufmerksam, daß ich mich auf dem vonunseren Truppen geräumten französischen Boden befände, den preußischeOffiziere, noch dazu in Uniform, nicht betreten dürften. Ich erwiderte höf-lich, aber ernst, daß die noch in Amiens stehenden preußischen Truppenvon meiner Abreise wüßten. Wenn mir während meiner Fahrt irgend etwaszustieße, würde zweifellos nicht nur von der französischen Regierung undder Eisenbahnverwaltung Genugtuung verlangt werden, sondern auch dieReisenden dieses Zuges würden ernsten Unannehmlichkeiten ausgesetztsein. Nach dieser kategorischen Erklärung entspann sich ein freundlichesGespräch, das mit dem allseitigen Wunsche schloß, es möchte so bald nichtwieder zum Kriege kommen. Auf der nächsten größeren Station, wo dasPublikum auf dem Bahnhof mich mit Hallo und Pfeifen empfing, sprachich ebenso freundlich-ernst mit dem Bahnhofschef, der sofort die Situationbegriff und mich in seinem Zimmer gegen jede Belästigung schützte, bis ermich in einem nach Saint-Quentin zurückfahrenden Zuge in einem leerenCoupe I. Klasse unter der besonderen Obhut der Kondukteure des Zugesnach Saint-Quentin zurückexpedierte.

Am 19. Juni schrieb ich aus Bazeilles bei Montmedy an meine Eltern:BazeillesSehr wünsche ich, Mama und meine kleinen Brüder haben die Einzugs-feierlichkeiten in Berlin recht genießen können. Wir hatten am 16. pracht-volles Wetter, hoffentlich war es in Berlin ebenso. Nachrichten haben wirdavon noch nicht, doch wird es gewiß herrlich gewesen sein. Daß wir beiall unserem Patriotismus nichts davon zu sehen kriegen, ist eigentlichniederträchtig. Es scheint, daß wir bis Bonn marschieren sollen, bis Trier ist die Marschroute schon ausgegeben. Die Meuse, von waldigen Höhen ein-geschlossen, erinnert an norddeutsche Gebirgslandschaften. Vor einem Jahrwar in der ,Independance Beige 4 als Feuilleton ein Roman von G. Sand,der in dieser Gegend spielte und in dem' diese Maaslandschaften, in denen