DOROTHEENSTRASSE
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fixö votre nationalite.“ Preußin von Geburt, Russin durch ihre Heirat,hatte sie sich zeitweise mit Berufung darauf, daß ein Teil der Familie Croy dem belgischen Untertanenverband angehörte, als Belgierin ausgegeben,war auch einmal Oberhofmeisterin in Stuttgart gewesen, dann aber, da ihrältester Bruder im österreichischen Dienst stand, nach Wien gegangen undwar auch als eifrige Katholikin oft nach Rom ad limina apostolorum ge-pilgert. Sie schillerte politisch in allen Farben. Bismarck war überzeugt,daß die Gräfin Luise Benkendorf eine Agentin des St. Petersburger Kabi-netts sei und vom russischen Ministerium des Äußern die Mittel erhielte,ein Haus zu machen, um im russischen Sinne auf ihre Gäste zu wirken undvor allem nach St. Petersburg zu berichten, was sie in ihrem Salon vonihren Gästen höre. Wenn Bismarck wollte, daß eine Nachricht unauffällignach St. Petersburg gelangte, pflegte er einem seiner Sekretäre zu sagen:
„Das können Sie morgen abend im Salon Benkendorf erzählen, dann erfährtes spätestens in acht Tagen Gortschakow .“
Lieber als den Salon Benkendorf und selbst als den Salon Mimi Schlei-nitz, lieber als alle anderen von mir frequentierten Salons besuchte ich dasHaus des Professors Rudolf Gneist , nicht nur weil die Verstandes-schärfe und der glänzende Geist des Hausherrn mich anzogen, sondern auchweil ich dort interessante Professoren und Abgeordnete traf, die mich durchihre Konversation fesselten und von denen ich etwas lernen konnte. Auchin den Häusern Borsig und Hansemann habe ich gern verkehrt.
Während der Wintersaison pflegte ich am Sonnabend meine Eltern zumeiner Großtante Gabriele Bülow zu begleiten. Sie verbrachte ihre GabrieleSommer in dem historischen Tegel, im Winter bezog sie in der stillen und »• Bülowwürdigen Dorotheenstraße ein behagliches, aber bescheidenes Appartement.
Es gab bei ihr kein reichbesetztes Buffet wie es in Berlin allmählich Sitteoder vielmehr Unsitte wurde, sondern nur Tee mit Gebäck zum Einstippen.
Aber große und schöne Erinnerungen umschwebten die alte Dame, die hierempfing. Sie war die Witwe von Heinrich Bülow. Sie war die Tochter vonWilhelm, die Nichte von Alexander von Humboldt. Sie war damals schonüber siebzig Jahre alt und ist erst mit fünfundachtzig Jahren heim-gegangen. Sie war als Kind mit ihren Eltern nach Rom gekommen undhatte dort Pius VII. und seinen Staatssekretär Consalvi erblickt, Canovaund Thorwaldsen als Hausfreunde begrüßt. Zwei ihrer Geschwister warenin Rom gestorben, sie ruhen auf dem akatholischen, stimmungsvollen Fried-hof an der Pyramide des Cestius. Sie hatte in Rom auf derselben Höhe desPincio gewohnt, wo ich, ihr Großneffe, hundert Jahre später, nach meinemRücktritt, ein schönes Winterheim finden sollte. Sie sprach bis in ihr Altergern und geläufig Italienisch und hat, als ich ihr nach meiner Verheiratungmeine Frau vorstellte, diese als Italienerin mit besonderer Herzlichkeit