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anderer Meinung war, gab er seiner Auffassung ruhigen und bestimmten,aber freundlichen, beinahe bescheidenen Ausdruck. Als die Rede auf denDeutsch -Französischen Krieg kam, erzählte er einige Episoden aus denSchlachten von Wörth und Weißenburg, ohne Prahlerei noch Überhebung.Von seinem persönlichen Verhalten sprach er gar nicht, nur von derTapferkeit der Truppe. Mit Wärme und großer Entschiedenheit betonte erseine friedliche Gesinnung und daß er mit seinem Vater und Bismarck ganz darin übereinstimme, daß es die erste Pflicht der Regierung und dasvornehmste Bedürfnis unseres Volkes sei, den Frieden mit Ehren auf-rechtzuerhalten.
Als sich der Kronprinz im Laufe des Tages zurückzog, um sich vor derAnkunft in Neapel eine Stunde auzuruhen, kam ich in ein längeres Ge-spräch mit seinen beiden Adjutanten. Sie waren des Lobes voll über ihrenPrinzen, und dies Lob kam, wie ich fühlte, aus aufrichtigem Herzen. „EinLöwe in der Schlacht und dabei ein gütiges, ja weiches Herz! Streng inallen Fragen der Sittlichkeit und dennoch ohne Vorurteil.“ Sie erzähltenmir, daß der Kronprinz 1866 wie 1870, so oft er konnte, die Verwundetenbesuchte, wie er auch stets bemüht gewesen sei, die Bevölkerung desfeindlichen Landes die harten Seiten des Krieges möglichst wenig fühlenzu lassen.
Ich hatte in Berlin oft sagen hören, der Kronprinz sei kein Freund desFürsten Bismarck . Um so mehr freute es mich, aus dem eigenen Mundedes hohen Herrn Worte der Anerkennung und der Bewunderung für denFürsten Bismarck zu hören. Er erwähnte eine feine Äußerung seinesOheims, des Großherzogs Karl Alexander von Weimar, der, als manBismarck einmal Härte und Schlimmeres vorwarf, geantwortet habe: „Manmuß einen Michelangelo nicht mit dem Maßstab eines Watteau messen.“Der Kronprinz selbst verglich Bismarck mit Richelieu. Man könne Richelieumanche Vorwürfe machen, sein Verhalten gegenüber Cinq-Mars und anderenseiner Gegner beklagen und tadeln, er bleibe doch immer einer der größtenStaatsmänner aller Zeiten. Mit leiser Stimme fügte er hinzu, zu Keudellgewandt: „Ich bin, besonders in Fragen der inneren Politik, oft andererMeinung gewesen als Bismarck . Er ist mir zu schroff, fast rücksichtslosentgegengetreten. Er ist überhaupt kein bequemer Minister. Aber wirdürfen nie vergessen, was unser Haus und Deutschland ihm schulden. Sichvon ihm zu trennen, würde ich, wie die Dinge bei uns und in der WeltHegen, für ein Verbrechen halten.“
In Neapel angelangt, wo der Kronprinz von einer zahlreichen Volks-menge mit Jubel begrüßt wurde, stattete er dem König Viktor Emanueleinen langen Besuch ab, über den er uns am Abend allerlei erzählte. DerKronprinz charakterisierte den König nicht übel als einen Gemsjäger, das