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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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NEUN JAHRE NACH SADOWA

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Vertreter des nicht ganz zu entbehrenden gesunden Menschenverstandes.Bill war nicht so interessant wie Herbert, nicht so sympathisch, auch nichtso warmherzig, aber nüchterner, vorsichtiger, alles in allem klüger.

Bill sagte mir:Mein Vater gleicht den Gläsern, durch die man alleGegenstände zu groß sieht. Er selbst hat Eugen Richter , Windthorst undandere, die, mit ihm verglichen, doch nur Frösche sind, zu Ochsen auf-gebläht. So ist es auch mit dem eitlen Geck, dem Gortschakow . MeinVater sollte seiner Ranküne gegen diesen alten Komödianten nicht zu sehrdie Zügel schießen lassen. Er wiederholt ja immer selbst, daß ein gutesVerhältnis zu Rußland der Pivot unserer auswärtigen und bis zu einemgewissen Grade auch unserer inneren Politik sei. Ob mein Vater Gortschakow ärgern kann, ohne Kaiser Alexander II. zu verletzen und gegen sich auf-zubringen, erscheint mir fraglich.

Noch in Varzin hatte ich einen Brief der Fürstin Y. erhalten, die mirvorschlug, sie in Ischl zu treffen, wohin ich von Varzin direkt fuhr. In Wien ,wo ich am Jahrestag von Königgrätz , am 3. Juli 1875, eintraf, begegnete ichmeinem Freund Baron Münch, damals Botschaftsrat der Österreichisch-Ungarischen Botschaft in Berlin . Sein Vater war in den fünfziger Jahrenhessen-darmstädtischer Bundestagsgesandter in Frankfurt am Main ge-wesen. Er war nebenbei gesagt ein Verwandter des späteren ReichskanzlersGeorg von Hertling . Während ich auf dem Ring und im Prater mit Münchspazierte, sprachen wir von alten Zeiten und der gegenwärtigen Lage. Ineinem festen und sicheren Freundschaftsverhältnis zwischen der habs-burgischen Monarchie und dem Deutschen Reich erblickte er die besteGewähr für die Sicherheit beider Länder und den europäischen Frieden.Daß ich, ein guter Österreicher, Ihnen das in Wien am Jahrestage vonKöniggrätz sage, ist wohl der Beweis, daß das, was Österreich und Preußen früher trennte, überwunden ist. So sprach neun Jahre nach Sadowa derFreiherr Joachim von Münch-Bellinghausen zu mir, während die Julisonnedurch der Zweige Grün auf uns herabschaute. Ich ahnte nicht, daß ichschon wenige Jahre später am Sterbebette desselben guten Münch stehenwürde.

Am 4. Juli traf ich in Ischl ein, wo mich die Fürstin Y. im HotelElisabeth erwartete. Als wir uns wiedersahen, war uns zu Mute wie Ver-lobten am Hochzeitsmorgen. Wir drückten uns stumm die Hand. AmNachmittag unternahmen wir eine mehrstündige Ausfahrt nach der Gosau -Mühle. Am Abend warf ich mich der schönen Frau zu Füßen, bittend,flehend, bestürmend. Sie wehrte mich ab:Nein, nein! Warum? Sind wirnicht glücklich? Warum unsere Liebe entweihen? Sie sah mich starr an,mehr ängstlich als erzürnt. Meine Leidenschaftlichkeit schien sie abzu-stoßen. Als ich sie frug, warum sie vor mir zurückschrecke, schloß sie mir

Nach Wien und Ischl