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mit ihrer kleinen Hand den Mund. Sie fürchte im Gegenteil, mich zu sehrzu lieben. „Ich habe das dunkle Gefühl“, meinte sie, „als ob diese Liebemein Unglück werden könnte. Große Liebe führt zu großem Leid, sagt man.“
Am zweiten Tage nach meiner Ankunft in Ischl machten wir bei strah-lender Julisonne einen Ausflug nach Strobl am Wolfgangs-See, auf dessengrünblaue Wasser wir lange blickten, bevor wir den Heimweg antraten. AmAbend, es war eine sternenklare Nacht, und eine ganz milde Luft strömtedurch die offenen Fenster ihres Schlafzimmers, durchmaß ich das Zimmermit großen Schritten, halb von Sinnen. „Ich werde wahnsinnig“, wieder-holte ich, meiner Sinne nicht mehr mächtig, monoton, wie eine Litanei,immer wieder. Endlich erhob sie sich von dem Stuhl, auf dem sie saß. Mitleiser Stimme, lächelnd und doch mit einem traurigen Ausdruck in denschönen Zügen, meinte sie: „Es wäre doch zu schade, wenn ein so liebens-würdiger und dabei begabter Jüngling wegen mir ganz den Verstand ver-löre.“ Und sie sank in meine Arme. Während der ganzen Nacht hörten wirdas Rauschen der Traun , wie ein Hochzeitslied der Natur.
Als ich am Morgen in mein Zimmer zurückkehrte, erwartete mich dorteine Überraschung. Ein Brief meines Vaters war eingetroffen, der dieMeldung des Direktors im Auswärtigen Amt , Exzellenz von Philipsborn,über das Ergebnis meiner diplomatischen Prüfungsarbeit enthielt. AdolfWagner hatte nach dieser Mitteilung meine Arbeit über die italienischenFinanzen als eine „sowohl in materieller wie in formeller Hinsicht in außer-gewöhnlichem Maße gelungene“ beurteilt. In dem Augenblick, in dem ichdiesen mich sehr interessierenden Brief las, trat die Fürstin in mein Zimmer.In ihren Augen war ein feuchter Schimmer, den ich noch nicht bei ihrgesehen hatte. Sie hielt mir die Lippen zum Kusse hin. „Erst lies diesenBrief“, rief ich ihr zu, „die Arbeit, die ich im April in Albano über dieitalienischen Finanzen verfaßte, ist von Adolf Wagner, dem großenNationalökonomen, sehr günstig beurteilt worden.“ Sie sah mich starr an,dann brach sie in Tränen aus. „Dir“, schluchzte sie, „wird der Ehrgeizimmer höher stehen als die Liebe.“ Hatte sie recht? Zweifellos für sichselbst und in ihrem eigenen Falle. Aber ich sollte noch der Frau begegnen,deren Liebe mir höher stand als jede persönliche Ambition. Gewiß nichthöher als das Vaterland, das mir immer und in jeder Lage am höchstenstand. Aber höher als das, was die Menschen Karriere nennen, als alleäußeren Auszeichnungen und Triumphe der Eigenliebe.
Zwei Tage später siedelten wir nach St. Wolfgang über. Ischl war unszu sehr Modebad, zu unruhig und zu banal. Wir zogen St. Wolfgang vor,mit seinem See, der sich bei Strobl so freundlich und so einladend vor unsausgebreitet hatte. Wir fuhren durch das Tal des Ischlflusses, zwischenhohen Waldbergen und den über sie aufragenden Schroffen des Looskogels