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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER ERSTE WINTER

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Durch den Nebel und Schnee des russischen Winters machten wirherrliche Schlittenfahrten, zu denen mein Kollege von der Botschaft, alter Schlitten-Regimentskamerad und treuer Freund während meines ganzen Lebens, fohrtcnGraf August Dönhoff-Friedrichstein, und ich von den liebens-würdigen Familien Stroganoff, Kreutz, Barclay de Tolly und Woronzowhäufig aufgefordert wurden. Neben der Wonne eines langen und flottenGalopps auf einem guten Pferd in der römischen Campagna oder amStrande der Nordsee halte ich eine russische Schlittenfahrt in einer mit dreiPferden bespannten Troika für eine der wenigen wirklichen Freuden unseresLebens, über dessen Unvollkommenheit sich alle ernsthaften Philosopheneinig sind, von König Salomo bis zu Arthur Schopenhauer. Unter denjungen Damen, mit denen ich während meines ersten Petersburger Winterszu tanzen den Vorzug hatte, sind mir zwei in der Erinnerung geblieben,weil sie in hohem Maße die Eigenschaften besaßen, die das russische jungeMädchen sympathisch machen, die Reinheit der Seele, verbunden mithochfliegendem Idealismus, die Fähigkeit, um einer Idee willen auf dieGüter zu verzichten, die das Leben vergänglich zieren, die Selbstverleugnung,für eine Idee selbst in den Tod zu gehen. Die junge Komteß Perowskij Sofiewar ein stilles Mädchen, die anmutig tanzte und in liebenswürdiger Be- Perowskajascheidenheit mit ihrem Tänzer die übliche Ballkonversation führte, abermit ihren Gedanken offenbar ganz wo anders war. Das entnahm ich aus dergelegentlichen Bemerkung, daß die Welt voll Ungerechtigkeit sei, daßdas Volk unglücklich und daß nur der ein guter Mensch sei, der imstandeist, sich für eine gute Sache zu opfern. Sie ist später, wie die Nihilistendas nannten,unter das Volk gegangen. Und als Alexander II. am13. März 1881 in Petersburg einem nihilistischen Bombenattentat zumOpfer fiel, war sie es, die mit ihrem Taschentuch den auf ihn lauerndenAttentätern das Zeichen gab, daß der Zar sich nähere. Sie wurde gehängt.

Turgenjew richtete an ihre Mutter ein stimmungsvolles Gedicht, in dem erdas junge Mädchen pries, das auf blumigen Wiesen hätte wandeln können,aber den steinigen, steilen Weg mit dem Blick auf ein hohes Ziel vor-gezogen habe.

Meiner anderen Tänzerin, Fräulein von K., ist ein so tragisches Endeerspart geblieben. Ich hatte ihr nie den Hof gemacht, unterhielt mich abergern in den Tanzpausen mit ihr. Eines Tages frug sie mich ziemlichunvermutet, ob ich das Gefühl hätte, daß sie und ich zusammen glücklichwerden könnten. Ich kam mir sehr schlau vor, als ich ihr erwiderte, daßwir beide noch viel zu jung seien, um an eine Verbindung für das ganzeLeben denken zu können. Ich bildete mir nämlich ein, daß sie, ein jungesMädchen ohne Vermögen und ohne Konnexionen, den hoffnungsvollenjungen Diplomaten zu einem Heiratsantrag ermuntern wolle. Mit einer