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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER ÖSTERREICHISCHE HOFRAT

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Feinden des neuen, starken Deutschen Reichs herzlich gefreut haben.Persönlich war Graf Hübner ein liebenswürdiger Greis. Mit seinem glattrasierten Gesicht und seiner gemessenen Redeweise ein Bild der Metter-nichschen Ara. Ich verdanke ihm, der mir, wo ich ihm begegnete, im Klubund im Prater, liebenswürdig entgegenkam, manchen interessanten Auf-schluß über österreichische Geschichte und über Altösterreich.

Die Namen der großen Wiener Hofchargen, die 1876 zum Empfang inder Deutschen Botschaft erschienen, sprachen von der stolzen Vergangen-heit der habsburgischen Monarchie. Der Oberstkämmerer Graf Folliot deCrenneville, der Oberststallmeister Graf von Grünne, der General-adjutant Graf von Bellegarde, der Generalmajor Graf Bylandt gehörtenFamilien an, die seit der Zeit, wo das Haus Habsburg über die Niederlande gebot, in habsburgischen Diensten standen. Viele Offiziere der kaiserlichenSuite stammten aus demReich, wie man in alter Zeit in Wien sagte:die Taxis und Bechtolsheim aus Bayern , die Wimpffen und Hornstein vomNeckar, der damalige Vorstand der Militärkanzlei des Kaisers und spätereChef des Generalstabes, Friedrich von Beck , und der schneidige KavalleristLeopold von Edelsheim aus Baden, die Gablenz und Globig aus Sachsen,die Kielmannsegg, Löhneisen und Wersebe aus Hannover . Auch in derFront des k. k. Heeres dienten damals noch manche Norddeutsche: Lüheund Bülow, Oertzen und Hammerstein.

Die politische Stimmung gegenüber dem neuen Deutschen Reich warin den bürgerlichen Wiener Kreisen im großen und ganzen freundschaft-licher und insbesondere aufrichtiger freundschaftlich als in der öster-reichischen Aristokratie. 1876 lebte nochder alte Plener, der erst 1906fast hundertjährig verstorbene Ignaz Edler von Plener. In schwierigenZeiten, von 1860 bis 1865 war er Finanzminister, von 1867 bis 1870 im so-genannten Bürgerministerium Handelsminister gewesen. Ein erfahrener,vorsichtiger Verwaltungsbeamter. Ein würdiger Typus des k. k. Hofrats,den die Magyaren und Tschechen, die Slowaken und Polen haßten undschmähten, dieBedientenvölker, wie sie in seinem Gedicht Hebbelzornig gescholten hatte. In Deutschland, namentlich in Berlin , spottete mangern und nicht immer geschmackvoll über den österreichischen Hofrat . MitUnrecht, denn er hatte seit der großen Maria Theresia und dem feurig-edlen Joseph II. die vielsprachige Monarchie fleißig und ehrlich verwaltet.Ihm verdanken die Nationen mit denstruppigen Karyatidenhäupterndas bißchen Ordnung, Sauberkeit und wirkliche Kultur, das sie besitzen.Dem Sohn des alten Plener, Ernst von Plener, der von 1893 bis 1895 öster-reichischer Finanzminister, später Präsident des österreichisch-ungarischenObersten Rechnungshofes und während vieler Jahre Führer der Liberalenim Reichsrat war, bin ich im Verlaufe meines Lebens noch manchmal

Ilofchargen

Ignazvon Plener

Ernst von Plener