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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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NACH FÜNFUNDZWANZIG JAHREN

einzige Stück ihrer schönen Einrichtung, das man ihr nach ihrer Scheidunggelassen hatte. Ich hatte schon von verschiedenen Seiten gehört, daß siemit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen habe, da ihre Berater un-besonnenerweise bei ihrer Scheidung keine Apanage für sie ausgemachthätten, ihr geschiedener Gatte sich weigere, eine solche zu zahlen, und ihreeigenen Verwandten auch keine Lust hätten, ihr zu Hilfe zu kommen. Diesogenanntegute Gesellschaft der Stadt, in der sie lebte, hatte sich mitder Härte und der Heuchelei, die überall derguten Gesellschaft eigensind, gänzlich von der armen Frau zurückgezogen. Nach dem Skandal, dendie Begleitumstände ihrer Scheidung hervorgerufen hatten,wünschtenauch ihre deutschen Verwandten nicht, sie bei sich aufzunehmen. Körperlichfand ich die Fürstin Y. nicht allzu sehr verändert. Sie hatte noch immerihre elastische Gestalt, ihre schmalen, weißen Hände und ihre auffallendkleinen Füße. Sie hatte noch dieselben in blau und in schwarz schillerndenund schimmernden Sirenenaugen, die so viele Köpfe verdreht hatten. Aberaus ihrem Gesicht sprach statt des früheren harten Stolzes und der altenSicherheit eine Hilflosigkeit, eine Hoffnungslosigkeit, eine dumpfe Ver-zweiflung, die mich erschütterten. Sie frug mit ihrer mir wohlbekanntenStimme, die mir wie aus einer anderen Welt zu kommen schien:WissenSie, daß wir uns fünfundzwanzig Jahre nicht mehr gesehen haben? Das isteine lange, eine sehr lange Zeit, ein Vierteljahrhundert. Wo sind Sie heute!Und wo bin ich! Wie ist es möglich, daß wir uns nie wiedersahen? HattenSie den grünblauen Wolfgangs-See ganz vergessen? Und Ischl? Und dasRauschen der Traun ? Wir konnten uns doch als gute Freunde wiederfinden.Es gibt Situationen, wo es das beste ist, wie Nietzsche dies empfiehlt, mit-einander zu schweigen. Aber endlich konnte ich unser beiderseitigesSchweigen nicht mehr ertragen.An jedem Abend, hub ich an,verlassenin Berlin um dieselbe Zeit zwei Schnellzüge denselben Bahnhof. Währendeiner halben Stunde, bis Zehlendorf, fahren sie nebeneinander. Dannnimmt der eine Zug die Richtung nach Westen, der andere fährt nach Osten.Der Reisende im ersten Zug ist am nächsten Morgen in Köln , der im andernZug ist in Breslau. Am nächsten Abend ist der eine in Paris , der andere inWarschau . Am übernächsten Morgen ist der nach Westen fahrende Reisendein Biarritz, der nach Osten fahrende in Moskau . Und am dritten Tage istder eine in Madrid , der andere im Ural. Und Ural, und Manzanares sindsehr weit voneinander entfernt. Das war ziemlich banal. Jedenfalls bliebes ohne Wirkung. Sie schwieg weiter. Ich hub noch einmal an:Wilhelmvon Humboldt hat schön gesagt, es komme weniger auf das an, was einempassiere, als auf die Art und Weise, wie man es trüge. Dieses Zitat wirktenoch weniger. Ach, die Philosophie hat bekanntlich noch nie eine Tränegetrocknet. Ihre Schwester, die mich begleitet hatte, machte mir ein