Beamter. Der dritte französische Delegierte war der Botschafter Frank-reichs in Berlin , Graf St-Vallier, ein kluger und geschickter Diplomat ausvornehmer Familie, aber kränklich, worunter sein äußeres Auftreten litt.
Einem legitimistischen Hause entsprossen, hatte er sich unter dem SecondEmpire diesem angeschlossen. Er war unter Napoleon III. ein Intimer derTuilerien gewesen. Nach Sedan war er zur Republik abgeschwenkt. SolcheGesinnungsänderungen haben wir nach dem Sturz der Monarchie auch inDeutschland erlebt und nicht nur bei Grafen , sondern selbst bei Professorenund Bürgermeistern. In Frankreich war man für solche Charakterlosigkeitempfindlicher als bei uns. Daß dementsprechend in seiner Heimat seinesoziale Stellung nicht gut war, gab St-Vallier etwas Gedrücktes. Es solltedie Zeit kommen, wo die Franzosen im Ausland nicht mehr so bescheidenauftraten wie 1878 in Berlin .
Für die türkischen Delegierten empfand ich unwillkürlich Mitleid undinfolgedessen eine gewisse Sympathie. Die Türkei war nur leidendes Objekt Dieder Verhandlungen. Stundenlang wurde darüber hin und her gesprochen, Delegiertenwelches ihrer Glieder noch amputiert werden könne. Sie war auch nicht be- ** er p f ortesonders repräsentiert. Da kein waschechter Türke Lust gehabt hätte, derAbschlachtung des Osmanischen Reiches durch die Giauren beizuwohnen,hatte die Hohe Pforte als ihren ersten Vertreter einen Türken aus Magdeburg entsandt. Er hieß ursprünglich Karl Detroit , war als kleiner Junge in derHauptstadt der Provinz Sachsen seinen Eltern fortgelaufen, hatte sich alsSchiffsjunge in Hamburg verdingt, war in Konstantinopel wieder durch-gebrannt und Muselman geworden. Er wurde im Hause von Ali Pascha ,dem späteren Großwesir, erzogen, dessen besondere Protektion ihm mancheüble Nachrede eintrug. Mehemed-Ali, so nannte sich der kleine Magde-burger in seiner neuen Heimat, machte eine glänzende Militärkarriere.
Während des Russisch-Türkischen Krieges hatte er hohe Kommandosgeführt und galt für einen tüchtigen Soldaten. Aber Bismarck konnte ihmseinen Abfall vom Christentum nicht verzeihen und war nicht dazu zubewegen, ihn mit Höflichkeit zu behandeln. Auch in unseren Offizierskreisenging man ihm aus dem Wege. Er hat bald nach der Beendigung des Kon-gresses einen ehrlichen Soldatentod gefunden. Nach Albanien gesandt, woim November 1878 ein Aufstand ausgebrochen war, wurde er von denInsurgenten niedergemacht. Er war das erste Mitglied des Kongresses, dasvon dieser Erde abberufen wurde. Der zweite türkische Vertreter,Alexander Karatheodory, war ein Phanariot, das heißt ein Sohn jenesLeuchtturmviertels von Konstantinopel, wo sich nach dem Einmarsch derTürken die Reste der alten griechischen Geburts- und Amtsaristokratieansiedelten und aus dem so viele Dragomane der Pforte und so mancheHospodare der Moldau und Wallachei hervorgingen. Er machte einen
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