EIN TRAUM
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Kammerdiener Claude Anet gestanden hatte, daß sie sich dieser Beziehungenfreute und daß Jean-Jacques stolz war, der Dritte in diesem Bunde zu sein,verbat sie sich ernstlich derartige Parallelen. Wie wir uns ohne Leidenschaftgefunden hatten, so trennten wir uns ohne Schmerz. Ich stellte meineBesuche bei der Gräfin D. allmählich ein, und auch die Korrespondenz mitihr ließ ich nach und nach einschlafen.
Fast dreißig Jahre später wurde ich in seltsamer Weise wieder an sieerinnert. Es war nicht lange vor meinem Rücktritt als Reichskanzler, daßich einen wunderlichen Traum hatte. Ich träume sehr selten. Dafür wardieser Traum so lebhaft und so anschaulich wie die Träume, von denen unsHomer berichtet. Plötzlich stand die Gräfin D. vor mir, leibhaftig, ganzunverkennbar. Es war ihr Gesicht, ihre Stimme, ihr Ausdruck. „Enfinje vous revois“, begann sie in der natürlichsten Weise. „II y a bien long-temps que nous ne nous sommes plus vus. Pourquoi ne m’avez vous jamaisecrit ? A moi qui vous aimais bien ?“ Ich erwiderte, nicht ohne Verlegenheit,aber in guter Haltung: „J’ai eu tort , tres-tort, ma cliere amie. Mais si voussaviez combien ma vie a ete agitee! J’etais si occupe. Mais si je ne vous aipas ecrit, je ne vous ai pas oubliee.“ Sie reichte mir die Hand und ent-schwand, wie die Traumgestalten hei Homer verschwinden, in sanft-wehende Luft, eg jcvoiäg ctveficov. Als ich am nächsten Vormittag anmeinen Schreibtisch im Reichskanzlerpalais trat, ergriff ich einen Blockund schrieb auf ein Quartblatt: „Chiffrierbüro. Ich bitte, mir rechtzeitigdie Abreise des nächsten Feldjägers nach Paris zu melden, dem ich einenBrief mitgeben will.“ Bevor ich meine Absicht, meiner Freundin zuschreiben, ausführen konnte, entnahm ich einer Pariser Zeitung, die ich beimeinem Morgentee las, daß die Gräfin D. in derselben Nacht gestorben war,in der ich jenen seltsamen Traum gehabt hatte. Ihr Tod, hieß es in derbetreffenden Zeitungsnotiz, hinterlasse eine fühlbare Lücke in der großenPariser Welt, wo sie von vielen Sympathien und allgemeiner Verehrungumgeben gewesen sei.
Ich enthalte mich jeden Kommentars und will nur feststellen, daß ichmich niemals mit Spiritismus, Somnambulismus, Hellsehen, Hypnose,Telepathie beschäftigt habe, daß jede Art von Okkultismus mir immervöllig ferngelegen hat. Im übrigen verweise ich auf das, was Schopenhauersowohl in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ wie inden „Parerga und Paralipomena“ über Träume und Visionen gesagt hat.