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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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BISMARCKS JÄHER VORSTOSS

persönlichen Beziehungen zu Bismarck ah, die es ausschließen, daß ich denvon mir bewunderten und geliebten großen Freund in diesem entscheidendenMoment im Stiche lasse. Aber auch rein sachlich betrachtet würden wirin eine unmögliche Situation geraten, wenn Kaiser Wilhelm nicht unter-schreibt. Bismarck tritt dann zweifellos zurück, in Deutschland würdebegreifliche allgemeine und tiefgehende Erregung, die schlimmste Kon-fusion entstehen. Was würde aus unserm Verhältnis zu Österreich werden?Wir würden die Braut sitzenlassen nach erfolgter und allgemein bekannt-gewordener Verlobung, unmittelbar vor der Hochzeit! Rußland würde sich,gereizt und mißtrauisch, aber nicht wirklich eingeschüchtert, von uns ab-und gegen uns wenden. Und die Franzosen? Es wäre das Chaos! Wir müssenüber die Stromschnelle hinweg in der Hoffnung, daß unser großer Schifferuns auch diesmal mit seiner genialen Geschicklichkeit bald wieder inruhigeres Fahrwasser steuern wird. Fest entschlossen, auch in dieserSchwierigkeit zu seinem alten Freund Bismarck zu stehen und ihn mitvoller Hingebung zu unterstützen, hatte mein Vater doch mehr als beifrüheren Gelegenheiten innere Zweifel an der Richtigkeit des von Bismarck eingeschlagenen Weges und vor allem hinsichtlich des stürmischenTempos, mit dem dieser Weg beschritten wurde.

Während ich an seinem Schreibtisch saß, führte mein Vater halb inDie Monologen, halb in Auseinandersetzungen, die mich orientieren sollten,Schwenkung nachstehendes aus. Ich möchte für jedes Wort seiner Ausführungen ein-u Österreich - s t e hen, die mir mit besonderer Lebhaftigkeit im Gedächtnis geblieben sind:Ungarn ^jjismarcks y ors toß gegen Rußland erfolgt ab irato, und darum finde ichseine Schwenkung zu Österreich zu abrupt. Ich sage das sine ira et Studio,quorum causas procul habeo. Ich habe viele Jahre meines Lebens im groß-deutschen Lager gestanden. Preußen war mir, bevor ich 1867 nach Berlin kam, nicht unbedingt sympathisch. Du wirst dich erinnern, daß ich vorgerade zwei Jahrzehnten, 1859, während des Österreichisch-FranzösischenKrieges, mit meinem Herzen ganz auf österreichischer Seite stand. Als dudamals, ein kleiner Junge, in Frankfurt a. M. mir ein Extrablatt mit derfalschen und hinterher dementierten Nachricht von einem großen öster-reichischen Siege bei Magenta überbrachtest, schenkte ich dir aus Freudeeinen Gulden. In derselben Zeit hat sich Bismarck als preußischer Gesandterin St. Petersburg dort über die österreichischen Niederlagen in der Lombardei ohne Zweifel aufrichtig gefreut. Deine gute Mutter trug damals mit Vorliebeschwarz-gelbe Toiletten. Außerhalb Preußens schwärmte in Deutschland eigentlich alles für das alte Österreich , an Ehren und an Siegen reich. VierJahre später war die über ein gemeinsames Handeln gegenüber der pol-nischen Insurrektion mit Rußland abgeschlossene Militärkonvention fürBismarck der Ausgangspunkt seiner großen Politik, die uns über Königgrätz