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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE UNTERZEICHNUNG

aufspritzte. In ergreifender Weise habe der gute alte Herr an die vielen undteuren Erinnerungen appelliert, die ihn mit Rußland verbänden, an dieFreundschaft seiner beiden Eltern mit Alexander I. , an seine eigenelebenslängliche Freundschaft mit Nikolaus I. , an die treue Anhänglichkeit,die ihm sein Neffe, Alexander II. , stets bewiesen habe. Er habe aber dabeinachdrücklich betont, daß sein Widerstand gegen eine so unvermittelteund rasche Schwenkung unserer Politik durchaus nicht allein auf sen-timentale Reminiszenzen noch überhaupt auf Gefühlsmomente zurück-zuführen sei.Bei guten Beziehungen mit Rußland sind wir alles inallem et tout bien pese überwiegend gut gefahren, habe der Kaiser mehr-mals wiederholt. Stolberg fügte hinzu:Bei aller meiner Freundschaft fürÖsterreich , wo ich mich als Botschafter sehr wohl gefühlt habe, konnte ichmich doch nicht des Eindrucks erwehren, daß aus den Ausführungenunseres alten Herrn eine in sechzigjähriger Erfahrung gereifte Weisheitsprach. Endlich, am 15. Oktober, Unterzeichnete Kaiser Wilhelm I. das Bündnis mit Österreich. Kurz nach der Unterzeichnung äußerte er inbitterer Stimmung zu seinem treuen Flügeladjutanten, dem GrafenHeinrich Lehndorff: Wenn ich an meinen Schwager Nikolaus, an meineSchwester Charlotte, an Tauroggen, an Kalisch und Breslau, an Möckern, an Groß-Görschen, Bautzen, Kulm, an die Völkerschlacht bei Leipzig, wenn ich an all das zurückdenke, so komme ich mir wie ein Pleutre vor.Nach seinem Grundsatz, daß, wenn Not am Mann ist, alle HundeFabrizierte Laut geben müßten, hatte Fürst Bismarck, um den Widerstand des altenZuschriften an Kaisers zu überwinden, einen gewaltigen Pressesturm organisiert. Ich wurdedie Presse ^ ,} em zu (ji esem Zweck eingerichteten außerordentlichen Preß-Dezernatbeschäftigt, das Radowitz leitete. Der Zweck des ganzen Presselärms warnicht, die Russen einzuschüchtern oder die Österreicher zu erfreuen. Deralte Kaiser sollte den Eindruck gewinnen, daß das ganze Land, von derMaas bis an die Memel, das Bündnis mit Österreich gutheiße und wünsche.Zu diesem Zweck verfaßten wir, Radowitz, der kleine Professor Aegidi,der geistvolle und feine Legationsrat Rudolf Lindau und ich, Zuschriftenaus allen Teilen von Deutschland , die dem Kaiser als Ausdruck deröffentlichen Meinung und Stimmung vorgelegt wurden. Bei großer Weisheit,bei gesundem Menschenverstand, bei Klugheit und Scharfsinn in vielenFragen stand Wilhelm I. dem modernen Pressetreiben und publizistischenUnfug beinahe naiv gegenüber. Er glaubte wirklich die Stimme des Landeszu hören, wenn die von uns fabrizierten Korrespondenzen ihm vorgelegtwurden. Wenn wir sie vom Rhein datierten, so ergingen wir uns in be-sorgten Wendungen darüber, daß, wenn das Bündnis nicht zustande käme,der grüne Rheinstrom vor französischen Überfällen nicht mehr sicher seinwürde, was von Mannhein bis Düsseldorf Beunruhigung hervorriefe. In