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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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IN DER PARISER BOTSCHAFT

Kaiser und König in treuer Erinnerung an ihren seligen Mann ihren zweitenSohn, den Premierleutnant im 1. Garde-Ulanen-Regiment Adolf von Bülow ,zum persönlichen Adjutanten des Prinzen Wilhelm von Preußen, des der-einstigen Trägers der Krone, bestimmt habe.

Als ich in Paris eintraf, forderte mich in seiner gütigen Weise mein Chef,L6onille der Fürst Hohenlohe, auf, bei ihm in der Botschaft zu wohnen, da es mirWittgenstein in meiner Trauer erwünscht sein würde, ruhig und unabhängig zu leben,was mir unter seinem Dach am leichtesten möglich sein würde. In seinemHause weilten seine Schwiegermutter, Fürstin Leonille Wittgenstein,und sein jüngster Sohn, der damals siebzehnjährige Prinz Alexander. Ichdenke gern an die stillen Abende zurück, die ich im Winter 1879/80 dortverlebte. Die Fürstin Leonille, die zweite Gemahlin des Fürsten Ludwig zuSayn-Wittgenstein, war eine bedeutende Frau. Von Geburt Russin, einePrinzessin Bariatinsky, war sie aus innerer Überzeugung zur katholischenKirche übergetreten, an der sie mit Leidenschaft, aber ohne Unduldsamkeitund Engherzigkeit hing. Sie ist mir bis zu ihrem erst 1918, in ihrem hundert-unddritten Lebensjahr erfolgten Tode eine gütige Freundin und Gönneringeblieben.

Ein anderer Gast des Fürsten Chlodwig Hohenlohe war in diesem WinterBaron einer seiner früheren Vortragenden Räte, der Freiherr von Völderndorff,Völderndorff e j n ungewöhnlich kluger und gebildeter Beamter, der auch literarischeNeigungen besaß und eine Reihe interessanter Essays kulturhistorischenInhalts verfaßt hatte. Ich ging oft mit ihm in den Champs-Elysees spazieren.Als wir einmal über die Place de la Concorde schritten, unterhielten wir unsüber die deutsche innerpolitische Lage und die Schwierigkeiten, die selbsteinem so großen Staatsmann wie dem Fürsten Bismarck der Unverstandund die Kleinlichkeit der deutschen Fraktionen bereiteten.Was soll erstaus uns werden, wenn früher oder später der Fürst Bismarck nicht mehr dasein wird ? meinte ich. Baron Völderndorff erwiderte mir, daß das Schicksaleines Volkes von über vierzig Millionen, dessen Bevölkerung überdiesbeständig zunehme, nicht auf einen einzigen Menschen gestellt werdendürfe, selbst wenn dieser Mensch so groß, so genial wäre wie unser Bismarck.Aber wer soll ihn ersetzen? frug ich weiter.Ich sehe niemand.Völderndorff meinte, daß niemand den Fürsten Bismarck ersetzen könnenoch werde. Wir müßten aber lernen, uns auch ohne einen solchen Titanenzu behelfen. Wenn uns in nächster Zeit das große, das sehr große Unheiltreffen sollte, Bismarck zu verlieren, so würde wohl Fürst ChlodwigHohenlohe der gegebene Nachfolger sein. In dem Augenblick, wo wir denPont de la Concorde betraten, fuhr nach einigem Besinnen Baron Völderndorfffort:Und auch für später weiß ich einen Nachfolger, nicht für heute, aberin zwanzig Jahren. Sie selbst. Ich erwiderte:Ich habe Sie bisher für