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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER KULISSENDIKTATOR VOR DER RAMPE

Das

Ministerium

Gambetta

Erfolge erringen kann, wenn sie ein Musterbild für die Erfüllung allerAnforderungen der Ehre und der Pflicht bleibe, wenn sie unter allenUmständen sich die strengste Disziplin erhalte, wenn der Fleiß in der Vor-bildung für den Krieg nie ermüde, wenn auch das Geringste nicht mißachtetwerde, um der Ausbildung ein festes und sicheres Fundament zu geben.

Am 10. November 1881 reichte nach einer für ihn ungünstig verlaufenenDebatte über die Tunesische Expedition der Ministerpräsident Jules Ferry seine Entlassung ein. Der Präsident der Republik, Jules Grevy , beauftragteGambetta mit der Neubildung des Kabinetts. Wie bei Schiller die Fürstin-Mutter von Messina, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, folgteGambetta dieser Aufforderung. Er würde es bei weitem vorgezogen haben,sich noch einige Zeit zurückzuhalten. Aber er fühlte, daß angesichts derum sich greifenden Mißstimmung über seine Kulissendiktatur (gouvernementocculte) ihm keine andere Wahl blieb, als vor die Rampe zu treten. AlleWelt erwartete ein großes Kabinett (le grand ministere). Die Bildung einessolchen gelang Gambetta jedoch nicht, da keiner der hervorragendenPolitiker, an die er sich wandte, Jules Ferry und Leon Say, Henri Brisson und Rene Goblet , Humbert und Tirard, Lust zeigte, in seinen Kahn zusteigen. Seihst Freycinet, sein vertrauter Mitarbeiter in der Regierung derNationalverteidigung, gab ihm einen Korb. So bildete er rasch entschlossenein Kabinett aus persönlichen Freunden: Waldeck-Rousseau erhielt dasInnere, der später viel genannte Rouvier Handel und Kolonien, Gambetta selbst übernahm mit dem Präsidium das Ministerium des Äußern. ZumUnterstaatssekretär bestimmte er einen seiner Intimen, Eugen Spuller.Der war der Sohn eines eingewanderten Badeners, aber im DepartementCote dOr geboren, wo der beste Burgunderwein wächst, und ein wasch-echter, sehr chauvinistischer Franzose. Das verhinderte die Opposition nicht,den armen Spuller alsBadois zu verhöhnen und zu verdächtigen. AlsKabinettschef wählte sich Gambetta Herrn Joseph Reinach , der, alsSohn israelitischer Eltern in Frankfurt a. M. geboren, sich nach seinerEinwanderung in Frankreich durch leidenschaftlichen französischenNationalismus hervortat und bis heute hervortut.

Kurz nach der Bildung des neuen Kabinetts fand Gambetta zu Ehrenin der Deutschen Botschaft ein großes Diner statt. Der neue Minister-präsident begrüßte mich mit alter Freundlichkeit. Er sah müde und ab-gespannt aus. Henri Rochefort, der einst gegen das Second Empire Schulteran Schulter mit Gambetta gekämpft hatte, war jetzt sein giftiger Gegnergeworden. Er hatte den von Gambetta nach Tunis entsandten Minister-residenten Rousten derartig verdächtigt, daß der angegriffene Beamte gegenihn Klage erheben mußte. Im Prozeß kam allerhand Unerfreuliches zurSprache, das zu neuen Angriffen gegen Gambetta führte. Als er mich nach