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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE GANZE UND DIE HALBE WELT

war er betriebsam und klug. Seine Frau, eine Spanierin, konnte sich wie dieFatinitza in der hübschen Operette von Franz Suppe rühmen, daß sie vielgesehen und erlebt hatte. Sie sagte einmal zu mir:Als ich jung war, ver-drehte ich Botschaftern die Köpfe. Jetzt, wo ich alt bin, habe ich mich ineinen italienischen Attache verliebt, der mein Sohn sein könnte und der vormir flieht, wie Hippolyt vor Phädra. Sie war eineApassionata, wie dieItaliener in ihrer pittoresken Sprache eine Frau mit Temperament nennen.Der Sohn aus dieser Ehe war, als der Weltkrieg ausbrach, belgischer Ge-sandter in Berlin . Als solcher hatte er leider Gelegenheit, die Kopflosigkeit,die klägliche Ungeschicklichkeit unserer damaligen diplomatischen Leitungaus nächster Nähe zu beobachten und darüber eingehend und leider zu-treffend an seine Regierung zu berichten. Er äußerte in den ersten August-tagen des tragischen Jahres 1914 zu einem italienischen Diplomaten, der esmir bald nachher wiedererzählte:Die deutsche Armee ist die erste Armeeder Welt. Das deutsche Volk ist wunderbar diszipliniert und organisiert.Aber von solchen Staatsmännern geführt, kann kein Volk siegen. Das gibtmir Mut und Hoffnung für den Ausgang dieses Krieges.

Fast in jedem Jahr erschien der damalige Prinz von Wales in Paris ,Der spätere das ihm besser gefiel als irgendeine andere Stadt des Kontinents. Er ver-Eduard VII. kehrte in allen Kreisen, mit den Prinzen des Hauses Orleans, die er als Ver-wandte, und mit den Söhnen des Hauses Rothschild, die er als Freundebehandelte, mit Politikern und mit Lebemännern, mit den Douairierenvom Faubourg Saint-Germain und mit den Damen der Welt, die AlexandreDumas fils diehalbe genannt hat. Er lud mich, wenn er nach Paris kam,regelmäßig zum Luncheon zu sich, als einen Freund seines Schwagers, desKönigs Georg von Griechenland , und, wie er die Liebenswürdigkeit hattemir zu sagen, auch als Jugendgespielen seiner Gemahlin. Er unterhielt sichjedesmal eingehend und klug mit mir. Die persönlich freundliche Gesinnung,die er schon dem jungen Diplomaten zeigte, hat der spätere KönigEduard VII . mir bis zu seinem Tode bewahrt. Sie hat eine sogenannte Ein-kreisungspolitik nicht verhindert, aber manche Spitze umgebogen, mancheEcke abgerundet, vieles erleichtert und das Schlimmste verhütet.

Mit Vorliebe besuchte ich in Paris die Museen und Galerien, die in ihrerDonna Art einzig sind. Diese Liebhaberei sollte mich meinem Lebensglück zu-Minghetti und führen. Es war im Frühjahr 1883. Ich befand mich, wie schon oft, imGräfin L ouvre> I n j er Salle carree, vor derHochzeit von Kana des PaoloDönhoff y eronese ^ begegnete ich zwei Damen, die ich lange nicht gesehen hatte,aber sofort wiedererkannte. Die eine war Donna Laura Minghetti, dieandere ihre Tochter, die Gräfin Marie Dönhoff. Die Mutter sah trotz ihrerfünfzig Jahre noch ganz jugendlich aus und strahlend schön. Die Tochtererschien mir noch anmutiger und reizvoller als in Florenz und Wien . Ich