DAS EHE-HINDERNIS
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nyr daß die Heftigkeit, zu der sich der größte Redner des alten Rom gegen-über Catilina , Verres und Antonius hinreißen ließ, dem immer maßvollenMarco Minghetti fernlag. Minghetti besaß ein eisernes Gedächtnis. Als ereinmal in Bologna Vorlesungen über Dante hielt, sprach er nicht nur ganzfrei, ohne Manuskript, sondern er hatte nicht einmal die „Divina Commedia “vor sich, die er vom ersten bis zum letzten Vers auswendig konnte. Auch denTasso, den Ariost und den Virgil hatte er im Kopf. Als er starb, lag unterseinem Kopfkissen die „Imitation Christi“ von Thomas a Kempis , die erimmer wieder seinem Gedächtnis einzuprägen pflegte.
„Meine liebe Stieftochter Maria“, sprach Marco Minghetti im Frühjahr1884 zu mir, „die ich liebe, als ob sie meine leibliche Tochter wäre, hat mirvon ihren Wünschen und Absichten gesprochen. Ich will ganz offen mitIhnen sein, offen und klar, mit der clarte latine, von der ich viel halte. Ichzweifle nicht daran, daß Sie ein sehr charmanter junger Mann sind, wie mirdies meine Tochter und meine Frau übereinstimmend versichern. Ichzweifle ebensowenig an der Aufrichtigkeit Ihrer Gefühle für Maria. Abermit dem Gefühl allein läßt sich keine Ehe auf bauen. Sie sind ebenso alt wiemeine Maria, also noch jung, kaum 35 Jahre alt. Sie sind jetzt ErsterBotschaftssekretär geworden, wozu ich Ihnen gratuliere. Das ist sehr nett,aber eine Position bedeutet das noch nicht. Wie Sie meiner Frau mit einervon ihr und mir sehr anerkannten Aufrichtigkeit erklärt haben, besitzenSie wenig Vermögen. Das alles sind, wie ich gern zugeben will, Hindernisse,die ein tüchtiger Mann überwinden kann. Es gibt aber ein Hindernis, dasvorläufig ganz unüberwindlich ist. Meine Tochter ist von Graf Dönhoff gerichtlich geschieden, aber nicht kirchlich. Eine Wiederverheiratung istnur möglich, wenn die erste Ehe meiner Tochter vom Heiligen Stuhl fürnichtig erklärt wird. Ohne diese Annullierung ist eine Wiedervermählungfür sie selbst, für meine Frau und für mich wie für jeden Katholiken völligausgeschlossen.“ Als Minghetti sah, daß diese Antwort mich sehr betrübte,ja konsternierte, reichte er mir die Hand mit den Worten: „Ich weiß nichtwarum, aber obwohl ich Sie sehr wenig kenne, empfinde ich Sympathie undselbst Vertrauen zu Ihnen. Ich verspreche Ihnen, daß, was an mir liegt,geschehen soll, um die Annullierung zu erreichen.“
Am Abend sagte mir Donna Laura, ich möchte nicht verzagen. Sie wareine mutige, eine große Natur. „Marco wird die Annullierung erreichen, wennsich ein Anhaltspunkt findet“, sagte sie zu mir. „Er erfreut sich im Vatikan großer Achtung und vieler Sympathien. Es kommt aber darauf an, daß dieAnnullierung direkt zwischen ihm und den Herren vom Vatikan verhandeltwird und daß kein Deutscher sich einmengt, weder der deutsche Botschafterbeim Quirinal noch der preußische Gesandte beim Vatikan , weder Keudellnoch Schlözer. Wir Italiener verstehen uns untereinander leichter und
Die Frageder
Annullierung