DREI MONARCHEN
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achtzehnten Jahrhundert wurde Thorn der Schauplatz einer der tiefstenDemütigungen des deutschen Volkes und gleichzeitig einer der abscheu-lichsten Freveltaten der Geschichte. Hier wurden auf dem Marktplatz derwrackere Bürgermeister Rösner und neun ebenso unschuldige, ehrenwertedeutsche Ratsherren enthauptet, weil Schüler des evangelischen ThomerGymnasiums, von Schülern des polnischen Jesuitenkollegiums immerwieder provoziert, sich endlich zur Wehr gesetzt hatten, was zu einem Tu-multe führte, in dessen Verlauf die zur Verzweiflung getriebenen deutschenBürger das Jesuitenkollegium, den Sitz ihrer Bedrücker und Peiniger, ge-stürmt hatten. Gleichzeitig mit dem Justizmord an Rösner und seinenRatsherren wurde die Thorner evangelische Hauptkirche den Evange-lischen entrissen und den Katholiken übergeben, das evangelische Gymna-sium eine Meile vor die Stadt verlegt. Und jetzt, während ich diese Zeilendiktiere, schmachtet die alte deutsche Stadt Thom wieder unter dem bar-barischen Joche der Polen .
Am Abend des 15. September fand im Schloß von Skierniewice eineGalatafel statt. Unser alter Herr saß zwischen dem Zaren und dem Kaiser Galatafel inFranz Josef. Man konnte sich keine reiner slawische, keine russischere Skierniewice Physiognomie und Erscheinung denken als Alexander III . „Wenn Siedem Kaiser Alexander III.“, meinte der Botschafter von Schweinitz,
„einen Bauemrock anziehen, das über der Hose getragene Bauernhemdund Schuhe aus Lindenbast, sieht er aus wie jeder andere russische Bauer.“
Und dabei hatte Alexander III. keinen Tropfen russisches, sondern nurdeutsches Blut in den Adern. Ich füge hinzu, daß die englische Königs-familie, die gleichfalls rein deutscher Abstammung ist, ganz englisch aus-sieht. L’influence du milieu ist also oft entscheidender als die ererbte Rasse.
Während bei der Galatafel in Skierniewice Alexander III. aussah, als ob erkaum den Augenblick erwarten könnte, wo man aufstehen würde, machteKaiser Franz Josef einen müden, stumpfen Eindruck. Seine glanzlosenAugen blickten über den Tisch hinweg ins Weite. Woran dachte der Habs-burger? Dachte er daran, daß er einst, kaum neunzehn Jahre alt, mit rus-sischer Hilfe die rebellischen Magyaren unterworfen, mit russischer Rücken-deckung die Piemontesen besiegt und Preußen gedemütigt hatte ? Dachte erdaran, daß er während des Krimkrieges die russische Unterstützung mitUndank belohnt und damit die vom Krimkrieg bis zur Drei-Kaiser-Begegnung von 1872 für Habsburg und die habsburgische Politik unfreund-liche Haltung Rußlands hervorgerufen hatte? Dreiunddreißig Jahreälter als Franz Josef, achtundvierzig Jahre älter als Alexander III., erschien Kaiser Wilhelm in seiner Ruhe und Weisheit wie der Patriarchder großen europäischen Familie, der allen, den Herrschern und denVölkern, ein Vorbild und ein Führer sein konnte.